Sonderveröffentlichung

Ortsporträt Kirchberg Kraftplatz der ökologischen Bewegung

Wer dem Kirchberger Schloss vor zehn Jahren eine derartige Entwicklung prophezeit hätte, wäre wohl belächelt worden: Es ist zu einem weithin bekannten Zentrum der ökologischen Land- und Ernährungswirtschaft geworden.

Das Kirchberger Schloss, die größte derartige Anlage in Hohenlohe, beherbergt seit 2016 die Aktivitäten der Stiftung „Haus der Bauern“. Dazu gehören eine Akademie, ein Bio-Hotel sowie verschiedene Wohnformen. Fotos: Thorsten Hiller

19.11.2021

Lange Jahre war es um die Zukunft des Kirchberger Schlosses nicht gut bestellt: Nachdem die letzten adligen Bewohner 1861 ausgezogen waren, wurde es bis Ende des Zweiten Weltkrieges als Museum genutzt. Von 1954 an war es im Besitz der Evangelischen Heimstiftung, die in einem Großteil der Anlage bis 2012 ein Alten- und Pflegeheim betrieb. Heute ist davon nur noch das „Fürst-Ludwig-Haus“ im Langen Bau erhalten. In der Zwischenzeit wurde die größte Hohenloher Schlossanlage vielfältig genutzt – vor allem Künstler arbeiteten hier.

Garagentore Reinhard Welk

Wende im September 2015

Ende September 2015 kam dann die Wende: Die Stiftung „Haus der Bauern“, das Sozialwerk und die soziopolitische Stiftung der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall (BESH), kaufte das Gebäude. „Das Schloss hat jemanden gesucht, der sich der Aufgabe annimmt“, bringt Rudolf Bühler, Chef der BESH und Vorsitzender der Stiftung, die Ausgangssituation auf den Punkt. Nachdem sich anscheinend auch ein russischer Oligarch und eine Schweizer Hotelgruppe für das Ensemble interessierten, erzählt Bühler, entschieden sich die Evangelische Heimstiftung und die Stadt Kirchberg für die kultur- und sozialverträglichste Lösung. Die Stiftung „Haus der Bauern“ baute das Schloss in eine Akademie für ökologische Land- und Ernährungswirtschaft um. „Wir sind zunächst von drei Jahren Umbauzeit ausgegangen, nun sind wir dieses Jahr nach sechs Jahren endlich fertig“, berichtet der Stiftungsvorsitzende. Nachdem die Bausubstanz in Ordnung war, musste die gesamte Elektro- und Sanitärinstallation erneuert werden. „Wir haben das in enger Zusammenarbeit mit dem Denkmalschutz sehr behutsam und unter Verwendung der passenden Materialien gemacht.“

Die Umbauzeit hat Bühler dazu genutzt, die verschiedenen Angebote zu entwickeln: „Wir haben uns in den letzten sechs Jahren gut aufgestellt und uns national und international einen erstklassigen Ruf erarbeitet.“ Das Schloss werde in der Branche als „Kraftplatz der ökologischen Bewegung“ wahrgenommen.

Heute stehen die Aktivitäten des Schlosses auf mehreren Säulen: Eine davon ist die Akademie, weiterhin gibt es das Bio-Tagungshotel sowie ein Mehrgenerationenhaus, „hier wohnen ständig Menschen vom Baby bis ins hohe Alter“, sagt Bühler. Die Bewohnerinnen und Bewohner leben in Apartments oder in Senioren-WG-Zimmern mit und ohne Betreuung. „Sollten sie nicht mehr allein bleiben können, dann ziehen sie einfach eine Türe weiter.“ Die entstandenen Kontakte bleiben weiterbestehen.

Neben der Akademie mit ihren Seminaren und Veranstaltungen zu verschiedenen Themen der ökologischen Landwirtschaft, der politischen Ökologie, zu Marketing und Regionalentwicklung sowie zur beruflichen und persönlichen Entwicklung haben sich mehrere Tagungen etabliert: Das „World Organic Forum“ im Frühjahr sowie im Herbst der dieses Jahr erstmals organisierte „Climate Farming Congress“ und die Öko-Marketingtage. In Kirchberg treffe sich die deutsche und internationale Ökoszene zur Aus- und Weiterbildung sowie zu den hochkarätig besetzten Tagungen. Bühler: „Ich freue mich, dass uns das gelungen ist. Für die nächsten Jahre wird das der Schwerpunkt unserer Aktivitäten sein.“


"Die Arbeit kostet viel Zeit und Energie. Diese Aufgabe habe ich aber gerne an genommen."

Rudolf Bühler
Stiftungsvorsitzender


In die Mauern des Schlosses ist auch wieder die Fritz-StrempferBauernschule zurückgekehrt: Ursprünglich 1949 hier als Heimvolkshochschule für die bäuerliche Jugend gegründet, zog sie 1961 nach Weckelweiler auf den Hof von Fritz Strempfer um. Sie stellt nach wie vor Jungbäuerinnen und Jungbauern aus der Bio-Landwirtschaft ein umfangreiches Bildungsangebot und Praxiswissen zum ökologischen Landbau zur Verfügung. Auch die Bio-Musterregion Hohenlohe als Keimzelle des biologisch-dynamischen und biologisch-organischen Anbaus in Deutschland hat im Schloss Kirchberg ihren Sitz.

Besucher können die Anlage nach wie vor besichtigen – eine Anmeldung zur Führung genügt. In den Räumen gibt es ein vielfältiges Kulturangebot mit Veranstaltungen, Konzerten und Tanz. Mehrere Bibliotheken haben dort ihre neue Heimat gefunden. In der Schlosskapelle finden Andachten und Hochzeiten statt, die dann im Rittersaal gemeinsam gefeiert werden können.

Rudolf Bühler (Mitte) bei der Eröffnung des „Ayurveda-Zentrums“ Anfang November
Rudolf Bühler (Mitte) bei der Eröffnung des „Ayurveda-Zentrums“ Anfang November

Restaurant öffnet bald

Für Leckereien ist im Schlosscafé gesorgt. Neben dem im Schloss zubereiteten Heumilch-Eis gibt es eine kleine Karte mit Spezialitäten der BESH. Ab Anfang Dezember öffnet das Schlossrestaurant im ehemaligen Speisesaal seine Türen. Die Karte umfasst Gerichte aus regionalen und saisonalen Bio-Lebensmitteln, die vorzugsweise bei Kleinerzeugern gekauft werden.

für Urlauber und Tagungsgäste Zimmer mit unterschiedlichen Standards – meist individuelle Räumlichkeiten hoch über den Zinnen des Schlosses. Seit Anfang November hat die Ayurveda-Abteilung des Haller Indian-Forums im Schloss eine neue Heimstätte gefunden. „Nun halten wir umfangreiche Kur-Anwendungen für unsere Gäste bereit“, sagt Bühler. Ausgebildete Ayurveda-Therapeuten aus Indien bieten neben Tagesbehandlungen, wie Massagen und Yoga-Übungen, auch zusammen mit dem Bio-Hotel mehrtägige Kuren an.

„Damit sind wir am Ziel angekommen“, fasst der Vorsitzende der Stiftung zusammen, der seit über 30 Jahren in der ländlichen Regionalentwicklung tätig ist. „Die ganze Arbeit kostet viel Zeit und Energie. Diese Aufgabe habe ich aber gerne angenommen.“ Thorsten Hiller