Träumen & Schlafen - Unser Lebenselixier Eulen mit Jetlag

Wenn die innere Uhr morgens um zehn Mitternacht zeigt … So dramatisch wie auf diesem Foto geht’s in den Klassenzimmern allerdings eher nicht zu. Foto: Shutterstock
Wenn die innere Uhr morgens um zehn Mitternacht zeigt … So dramatisch wie auf diesem Foto geht’s in den Klassenzimmern allerdings eher nicht zu. Foto: Shutterstock
12.10.2018

Chronobiologie - In der Pubertät ändert sich der Schlafrhythmus. Für die Oberstufe sollte deshalb ein späterer Schulbeginn gelten, fordern Wissenschaftler. Mehrheitsfähig ist der Vorschlag bisher nicht.

Von Richard Färber

Von Lerchen und Eulen handelt die Schlafwissenschaft, von Frühaufstehern und Langschläfern also, und einige Vertreter beider Gattungen haben wir auf der Gaildorfer Schlossmauer sitzen. Die beiden 14-jährigen Mädchen zeigen sich irritiert, als sie gefragt werden, ob es ihnen schwer fällt, früh aufzustehen: „Überhaupt nicht!“ Die fünf 15-jährigen Jungs hingegen finden, dass ein späterer Schulanfang besser wäre. „Jeder Schüler ist dieser Meinung“, sagt Oliver. In den ersten beiden Stunden könne er sich noch nicht richtig konzentrieren und zuhören, erklärt Raphail, der schultäglich mit dem Bus von Unterrot nach Schwäbisch Hall fahren muss, wo er die Sibilla-Egen-Schule besucht. Um 5.30 Uhr steht er dafür auf.

Gewöhnlich werden jetzt erzieherische Mankos ins Feld geführt: Schlendrian zur Schlafenszeit, koffeinhaltige Getränke, die übermäßige Nutzung von Handy und Tablet, die Jugendlichen den Schlaf rauben – selber schuld. Die Schlafforschung hat indes andere Erkenntnisse gewonnen. In der Pubertät stellt sich nämlich die innere Uhr um, der Schlafrhythmus verändert sich, die Jugendlichen werden später müde und können deshalb auch erst später einschlafen – die Lerche wird zur Eule.

Die US-amerikanische Akademie für Schlafmedizin AASM hat schon vor einigen Jahren darauf hingewiesen, dass diese Entwicklung berücksichtigt werden müsste. Acht bis zehn Stunden Schlaf seien nun einmal nötig, um konzentriert und aufnahmefähig zu sein.

"Die Schüler würden natürlich am liebsten später anfangen und früher aufhören."

Der Chronobiologe Till Roenneberg, Professor am Institut für Medizinische Psychologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München, bezeichnete den Schulbeginn um 8 Uhr in einem Interview gar als „biologische Diskriminierung“. Zumindest für ältere Schüler müsste er nach hinten verlagert werden fordert er: für die Mittelstufe auf neun Uhr, für die Oberstufe gar auf 10 Uhr. Weil sich die innere Uhr immer weiter nach hinten verschiebe, müssten 19-Jährige „teils während ihrer inneren Mitternacht am Unterricht teilnehmen.“

Roenneberg hat in den letzten Jahren an der Daltonplan-Schule in Alsdorf eine Studie zu veränderten Unterrichtsrhythmen durchgeführt. In dem städtischen Gymnasium wird nach den Methoden der amerikanischen Reformpädagogin Helen Parkhurst unterrichtet, die erstmals in der Stadt Dalton in Massachusetts angewandt wurden. Das System erlaubt den Schülerinnen und Schülern, Lernprozesse selbst zu planen. Deshalb konnte an der Alsdorfer Oberstufe eine optionale Gleitzeit eingeführt werden. Nur wenige Schüler kamen danach weiterhin zur ersten Stunde – was freilich nicht an ihrer ausgeprägten Lerchenhaftigkeit gelegen haben soll, sondern an den ungünstigen Busverbindungen.

Ob die Studie, die bald veröffentlicht werden soll, eine Revolution im Schulsystem auslösen wird, bleibt abzuwarten. Denn der Sachzwang, den die Chronobiologie postuliert, steht in hartem Kontrast zu den Realitäten von Schul-, Familien- und Berufsalltag.

Diese Alltage sind synchronisiert und nicht so einfach neu zu organisieren. „Wir sind ja auch abhängig von den Busfahrplänen“, gibt Elke Häußler, Rektorin der Gaildorfer Parkschule, zu bedenken. „Die Schüler würden natürlich am liebsten spät anfangen und früher aufhören“, sagt sie, die Forderung nach einem späteren Unterrichtsbeginn sei aber dennoch „kein Thema“.

„Berufstätige Eltern wollen ihre Kinder sicher in der Schule haben, wenn sie zur Arbeit gehen“, sagt Angela Rücker, Leiterin des Gaildorfer Schenk-von-Limpurg-Gymnasiums. Sie verweist auch auf die langen Unterrichtszeiten in der Oberstufe: „Sollen die Schüler noch später nach Hause kommen?“ Die Forderung nach einem späteren Schulanfang findet sie, sei „jenseits von jeder Lebenspraxis“.

Auch der chronobiologische Vorschlag zur Güte, zumindest ältere Schüler ihre Klassenarbeiten nicht in der ersten Stunde schreiben zu lassen, ist an den beiden Schulen kein Thema – später, im Berufsleben, wird’s ja auch nicht anders sein. „Schüler und Eltern“, betont Rücker, „haben auch eine Eigenverantwortung“.

Mehrheitsfähig sind die Forderungen der Chronobiologie bislang ohnehin nicht. Das zeigte sich schon 2005, als Günter Oettinger, damals noch Ministerpräsident von Baden-Württemberg, den Schulanfang um eine halbe Stunde nach hinten verlegen wollte, und es bestätigte sich 2013, als die Aktion „schul-gerecht“ eine Online-Petition für umfangreiche Schulreformen startete. Es fanden sich zwar mehr als 6500 Unterstützer, 10 000 waren angestrebt.

Punkt 10 der Petition, die vom Berliner Pädagogen und Träger des deutschen Lehrerpreises Robert Rauh initiiert worden war, betraf den späteren Schulbeginn. Die Gründe für die Ablehnung, so Rauh: „Lehrer wie ältere Schüler wollen ‚nicht noch länger in der Schule bleiben’ und Eltern wissen nicht, wie und wo sie ihre kleinen Kinder morgens bis zum Arbeitsbeginn unterbringen sollen.“

Die fünf Eulen auf der Schlossmauer werden wohl auch weiterhin früh aufstehen müssen.

Info
Die Petition und eine kurze Analyse ihres Scheiterns finden sich unter www.schul-gerecht.de, Stichwort Schulreform

Kolumne

Nickerchen? Nein danke!

Klaus Michael Oßwald Rundschau Gaildorf
Klaus Michael Oßwald Rundschau Gaildorf
Unterwegs schlafen und dabei neue Kraft schöpfen. Viele meiner Mitmenschen tun das, weil sie es können – ob in Bus oder Bahn, im Flieger oder als Beifahrer im Auto. Warum ich dem nur wenig abgewinnen kann? Es sind schlechte Erfahrungen. Gut, während des zum Glück nur vorübergehenden Triebwerksausfalls über Afrika war ich hellwach. Der Zwischenfall mit dem älteren Passagierflugzeug nach dem Start in Zimbabwe hatte das geplante Schläfchen verhindert. Ich wollte fortan wach bleiben bis zur Landung.

Blitzartig wach geworden bin ich einmal während der nächtlichen Fahrt in einem rostigen Linienbus in Malaysia. Auf einer holprigen Dschungel-Fernstraße war plötzlich ein Reifen geplatzt, und der schmächtige Fahrer hatte allergrößte Mühe, die klappernde Kiste nicht in einem Sumpf neben der Straße zu versenken.

Und auf Schienen? Nach unserem Trip mit der legendären und auf vielen Abschnitten noch vom Krieg gezeichneten vietnamesischen Nord-Süd-Bahn habe ich jeden einzelnen Knochen und jede Muskelfaser in meinem Körper gespürt. An Schlaf war auf der damals recht maroden Strecke kaum zu denken, den habe ich dann später in Saigon ausgiebig nachgeholt.

Etliche Jahre älter ist der Grund, warum ich nicht (mehr) im Traum daran denke, während einer Autofahrt für ein auch noch so kurzes Nickerchen die Augen zu schließen: Ein Kumpel hatte damals die Kontrolle über seinen Wagen verloren. Die Schleuderfahrt endete an einem Baum – und für uns beide trotz angeknackster Rippen und weiterer Blessuren noch recht glimpflich. Seither behaupte ich von mir, der schlechteste Beifahrer der Welt zu sein. In dieser Ansicht bestätigt mich meine Frau denn auch: Sie widerspricht mir nicht!
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