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35 magische Jahre Hakro Merlins Crailsheim „Ich bin glücklich in Crailsheim“

Ingo Enskat ist seit 2005 Teil der Merlins. Er war Jugendtrainer, Jugendkoordinator, Trainer der Profis in der Pro B, Pro A und BBL, sportlicher Leiter – und Co-Trainer von Arne Alig. Nach dessen Tod führte er die Zauberer 2009 als Chefcoach in die Pro A.

Der sportliche Leiter Ingo Enskat (links) und Trainer Tuomas Iisalo freuen sich immer, wenn sie talentierte Spieler wie DeWayne Russell entdecken und sich diese weiterentwickeln. Foto: Philipp Reinhard

2.03.2021

Ich lebe hier meinen Traum. Crailsheim ist gerade so wie ein Stadtteil von Bremen: nicht zu groß, überschaubar, man kennt sich.“ Das hat Ingo Enskat (48), der sportliche Leiter der Hakro Merlins Crailsheim, gesagt. Nicht erst vor Kurzem, sondern schon 2008 in einem Interview mit unserer Zeitung. Dass es allerdings einmal so weit gehen sollte, dass die Merlins 13 Jahre später zu den Spitzenmannschaften in der Bundesliga gehören, daran hätte Enskat damals wohl in seinen kühnsten Träumen nicht gedacht.

Der gebürtige Bremer kam 2005 zu den Crailsheimer Basketballern, als Jugendtrainer und als Co-Trainer von Arne Alig, der ein Jahr zuvor zu den Merlins gewechselt war. Die erste Mannschaft der Zauberer spielte zu dieser Zeit in der Pro B, also der dritten Liga. In der Saison 2007/08 belegte Crailsheim Platz 5. In der darauf folgenden Sommerpause erreichte die Verantwortlichen dann die Schreckensnachricht: Arne Alig starb völlig überraschend im Kroatien-Urlaub an Herzversagen. Der Ex-Profi, der die Professionalisierung des Basketballs in Crailsheim maßgeblich mitgeprägt hatte, war gerade einmal 40 Jahre alt.

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Wie sollte es bei den Proveo Merlins, so der damalige Name der Crailsheimer Basketballer, nun weitergehen? In der Trainerfrage fanden die Zauberer mit Ingo Enskat schnell eine interne Lösung. Und die funktionierte perfekt: Gleich in seiner ersten Saison (2008/09) als Chefcoach der Merlins führte er diese zum Meistertitel in der Pro B und zum Aufstieg in die zweite Bundesliga Pro A. Auch in diesem Erfolg schwang bei Enskat Wehmut mit, hatte er in Arne Alig doch nicht nur seinen Chef und Kollegen, sondern einen seiner besten Freunde verloren.

Bis 2012 blieb Enskat Trainer der Merlins, dann übernahm er das Amt des sportlichen Leiters. Als Willie Young, der die Merlins 2014 als Vizemeister der Pro A erstmals in die Bundesliga geführt hatte, im November 2014 entlassen wurde, hieß der neue Trainer: Ingo Enskat. Doch auch er konnte den sportlichen Abstieg nicht verhindern. Nur dank einer gekauften Wildcard blieben die Merlins in der Bundesliga. In der zweiten Saison in der BBL, im März 2016, beerbte Tuomas Iisalo dann Ingo Enskat, der seitdem wieder als sportlicher Leiter fungiert. Kurios: Sowohl Ingo Enskat als auch Tuomas Iisalo zog es im Alter von 33 Jahren zu den Merlins.

Der sportliche Leiter und der Trainer haben großen Anteil daran, dass die Hakro Merlins Crailsheim das zweite Jahr in Folge in der Bundesliga so erfolgreich sind. Nachdem die Zauberer 2019 den Klassenerhalt am letzten Spieltag durch das Wunder von Würzburg geschafft hatten, spielten sie sich 2020 bis zum Corona-bedingten Abbruch der Hauptrunde auf Platz 3.

Derzeit stehen die Hakro Merlins Crailsheim in der Tabelle sogar noch einen Platz besser da und liegen mit 16 Siegen aus 19 Saisonspielen klar auf Play-off-Kurs – es wäre der erste Bundesliga-Play-off-Auftritt in der Geschichte der Crailsheimer Basketballer, die beim BBL-Finalturnier im vergangenen Jahr von Verletzungen und Spielerabgängen gebeutelt den letzten Platz (Rang 10) belegten.


"Das Tolle ist, dass jedes Jahr kontinuierlich Kleinigkeiten dazugekommen sind."


„Wir haben grundsätzlich immer das Ziel Klassenerhalt. Dass wir das so früh mit einem Haken versehen konnten, ist schon eine Sensation an sich. Wer hätte vor der Saison gedacht, dass wir zur Hälfte der Saison den Klassenerhalt schon in trockenen Tüchern haben? Wohl niemand, das kann mir keiner erzählen“, sagt Ingo Enskat. „Natürlich haben die Play-offs jetzt einen ganz hohen Stellenwert. Man weiß, dass man ziemlich dicht dran ist.“ Wenn er sich die Mannschaft und das Trainerteam anschaue, „wirken alle sehr stabil. Ich glaube, sie werden diese Saison auch mit einer guten Leistung zu Ende bringen.“

Play-offs als nächster Coup

Die Teilnahme an den Play-offs wäre der nächste Coup für den Verein, betont Enskat. „Das hätte doch niemand unterschrieben, außer vielleicht der größte Fan und Optimist, der uns aber auch schon in der Euroleague gesehen hat.“ In ihm komme aber „der kleine Mahner“ zum Vorschein: „Es ist noch ein langer Weg dahin. Es ist jetzt nicht so, dass wir nur noch zehn Spiele haben und nur noch eines gewinnen müssen.“

Ingo Enskat freut sich darüber, dass sich der Klub „kontinuierlich immer Stück für Stück weiterentwickelt. Wir sind kein Verein, in dem gleich ein Sprung von hier über den Zaun nach ganz oben kommt. Das Tolle ist, dass jedes Jahr Kleinigkeiten dazugekommen sind.“ Zu sehen, wie sich die Halle als Sportzentrum entwickelt habe, wie der Verein im Mitarbeiterbereich und im Office gewachsen sei, „dass einer wie Lukas (Lienert) dabei ist und Martin konsequent unterstützt. Aber auch die Entwicklung der Mannschaft und der Trainer zu sehen. Jetzt BBL spielen zu können und tatsächlich mal in dieser sensationellen Situation zu sein, oben anzuklopfen, vielleicht sogar Richtung Play-offs – das ist einfach Stück für Stück gekommen. Das macht Spaß und motiviert jeden von uns.“ Er habe bei den Merlins nie den Eindruck der Stagnation, betont Enskat.

Trainer Arne Alig, Co-Trainer Ingo Enskat und Willie Young (von links) bei einem Spiel im Jahr 2006. Foto: Josef Kurzer
Trainer Arne Alig, Co-Trainer Ingo Enskat und Willie Young (von links) bei einem Spiel im Jahr 2006. Foto: Josef Kurzer

Zum ersten Mal habe er das Gefühl gehabt, dass es Richtung Bundesliga gehen könne, als die Merlins in der Saison 2011/12 ins Halbfinale der Pro A kamen und dort die Serie gegen den MBC mit 1:3 verloren. Da sei zum ersten Mal die BBL vor den Augen vorbeigezischt. „Da hat man gedacht: Mensch, eigentlich ist es nur noch diese eine Runde, die man überstehen muss. Da hätte man zumindest das Recht, in die Bundesliga aufzusteigen.“ Als die Merlins später dann aufgestiegen waren, habe man gemerkt, „wie viel da neben der sportlichen Qualifikation noch dran hängt. Zu dem Zeitpunkt waren wir völlig anders vorbereitet als heute. Wir wussten viel weniger, was uns erwartet.“

Der Klub hätte heute „zwar immer noch einen leicht wilden und verrückten Ruf, aber im Hintergrund sind die Merlins schon ein sehr, sehr solide arbeitender Verein geworden. Diese völligen Verrücktheiten sind schon ein paar Jährchen her“, sagt Ingo Enskat, der gesteht, dass er gerne in den Anfangsjahren dabei gewesen wäre, „wenn man die Geschichten von damals hört. Das Schöne ist: In Bremen habe ich mit meinem Verein, dem TSV Lesum, etwas ähnliches erleben dürfen, wenn man die Geschichten so vergleicht. Es ist aus ganz kleinen Wurzeln entstanden, über Schule und Jugendarbeit plötzlich zu etwas Großem geworden. Wir sind damals mit Bremen im gleichen Jahr in die zweite Liga aufgestiegen: wir im Norden, Crailsheim im Süden. Dass am Ende die Weg so zusammenführen, ist eine tolle Geschichte.“

Ingo Enskat hat als Trainer und sportlicher Leiter große Erfolge mit den Merlins gefeiert. Was ihm mehr Spaß gemacht habe, könne er nicht sagen. „Die Gesamtentwicklung des Vereins ist das, was Martin, Lukas und mich reizt. In welcher Funktion, ist da nicht das Entscheidende. Das Gefühl, den Verein immer weiter nach vorne zu bringen, ist der Antrieb dabei.“ Die Herangehensweise von einem Trainer- oder einem Managerposten sei auch anders. Als Trainer stecke man „emotional noch mehr drin – positiv wie negativ. Man hat direkt in dem Moment Verantwortung und trifft Entscheidungen. Als sportlicher Leiter oder Manager hat man den Blick von etwas weiter draußen, etwas neutraler. Man ist nicht ganz so ärgerlich oder enttäuscht nach einer Niederlage. Man hat auch nicht ganz den absoluten Adrenalinrausch wie als Trainer oder Spieler im Moment des Sieges.“

Das Schönste? Die Menschen!

Er könne auch nicht sagen, welcher Moment in seinen 16 Jahren bei den Merlins der bislang schönste gewesen sei. „Der Moment, wenn ein Aufstieg feststeht, ist natürlich etwas unglaublich Erleichterndes. Die gesamte Last fällt ab. Wenn man diesen Moment genießen kann, ist das etwas ganz, ganz Tolles.“ Wenn man vom rein sportlichen Aspekt weggehe, seien das Schönste „die Leute, die ich hier kennengelernt habe und mit denen ich mein Leben in den letzten 16 Jahren verbringe. Das ist das Besondere. Das ist vielleicht etwas, was man mehr zu schätzen weiß, wenn man von außen kommt, als die Leute, die hier aufgewachsen sind.“ Er habe die Erfahrung gemacht, dass der Crailsheimer „Crailsheim gegenüber meist ein bisschen skeptisch eingestellt“ sei. „Ich als Bremer sehe manchmal mehr die positiven Charakterzüge der Leute hier, die ganz toll sind. Das hat man in der Großstadt alles nicht. Der Hohenloher an sich ist etwas ganz Tolles. Das muss der Hohenloher manchmal selber auch verstehen.“

Angesichts dieser Aussagen ist es auch nicht verwunderlich, dass Ingo Enskat verrät, dass er schon in seinem ersten Jahr für sich beschlossen habe, aus Crailsheim nicht mehr wegzugehen. Und seit eineinhalb Jahren wohnen nun auch seine Eltern in Crailsheim. „Mit Arne und Martin hatte ich gleich das Gefühl, das einen verbindet. Obwohl wir ganz unterschiedliche Typen sind, haben wir uns immer toll ergänzt und uns menschlich super verstanden. Wenn ich so eine tolle Gruppe um mich habe, dann versuche ich, diese zusammenzuhalten und mit ihnen zusammen etwas Großes zu erreichen.“ Er träume nicht davon, ob es „mit 50 Millionen Euro in Moskau noch spannender wäre. Ich bin glücklich in Crailsheim.“ Von Joachim Mayershofer
    

147 Spiele, inklusive des BBL-Finalturniers, haben die Crailsheimer Basketballer mittlerweile in der Basketball-Bundesliga absolviert. Die Bilanz: 53 Siege und 94 Niederlagen