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35 magische Jahre Hakro Merlins Crailsheim Einmal Merlin, immer Merlin

Sebastian Klunker ist Abteilungsleiter der Basketballer des TSV Crailsheim. Er stieß 1986 kurz nach der Gründung der Abteilung als Sechstklässler an der Realschule zu den Jugendlichen vom Albert-Schweitzer-Gymnasium. Er wirft einen Blick zurück auf 35 Jahre.

2011 beim Sponsorenabend der Merlins träumten sie noch von der Bundesliga (von links): Joachim Wieler (stellvertretender Abteilungsleiter), Ingo Enskat (damals Trainer), Eberhard Spies (Vorsitzender der VR-Bank Schwäbisch Hall-Crailsheim), Sebastian Klunker (Abteilungsleiter) und Martin Romig (Manager). Foto: Joachim Mayershofer

2.03.2021

Begonnen hat alles mit Johann Hesch, mit Axel Fechner, mit Dieter Wolfarth, mit Mark und Jamie Weller und mit Hartmut „Hatze“ Ziegler. Kennt ihr nicht? Ich stelle sie euch vor. Johann Hesch war mein Sportlehrer in der sechsten Klasse in der Realschule. Er hat uns ganz genau vor 35 Jahren, im Februar 1986, davon erzählt, dass es jetzt etwas Neues gibt in Crailsheim! „Vor Kurzem hat sich eine Basketballabteilung gegründet beim TSV Crailsheim, und die wollen eine Nachwuchsmannschaft.“

Da ich im Fußball und Tennis nur mäßig talentiert war, habe ich mir gedacht: das probiere ich aus. Ich bin also an einem Freitagnachmittag in die Großsporthalle zu einem Mann mit Gipsarm, das war Axel Fechner. Ich hab ihn also gefragt, ob er auch zu den Basketballern gehört und was ich tun muss, um da mal mitmachen zu können. Das war meine Geburtsstunde bei den Crailsheimer Basketballern, die noch lange nicht die „Merlins“ waren – und Martin Romig kannte ich da noch nicht. Ebenso wenig wie unter anderem Markus „Manki“ Schmidt, Ralf Martius, Joachim Wurster, Martin „Metal“ Franz.

Autogruppe Koch

Ich traf mich also mit ein paar anderen Jugendlichen an einem Freitagnachmittag in der Großsporthalle, unter anderem mit Stefan Kahlau, Andreas Belschner sowie Mark und Jamie Weller, dem deutsch-australischen Zwillingspaar, das eine Klasse über mir war. Und das nicht nur in schulischer Hinsicht. Doch da wir nicht so viele waren, durfte ich auch regelmäßig spielen.

Besonders prägend dabei war Dieter Wolfarth, einer unserer ersten Trainer und zudem Trainer der ersten Mannschaft. Vermutlich, weil er der einzige richtig Erwachsene in dem ganzen Haufen war. Denn die erste Herrenmannschaft waren die Jungs, die selbst nur ein paar Jahre älter waren als wir und sich aus der viel zitierten Basketball-AG gegründet hatten.

Mein größtes Vorbild war Hartmut Ziegler, wegen dem ich auch mit der Trikot-Nummer 4 spielen wollte. Oskar Storz, der damalige Sportlehrer am ASG, sorgte für die ersten Trikots. Und weil er sich nicht auskannte und nicht wusste, dass Basketball-Trikots bei 4 beginnen und bei 15 enden, bestellte er einen Trikotsatz beginnend bei der 1 bis hinauf zur 13 – so wie man es aus dem Fußball eben kannte. Und so gingen wir ab Herbst 1986 in unsere erste Saison.

Mit Trikots zum Fasching

Im Frühjahr 1987 konnten wir unsere Basketball-Trikots sogar als Faschingskostüm anziehen, da das damals ja auch kaum jemand kannte. Doch das änderte sich bald. Die größtenteils aus Studenten bestehende erste Mannschaft war schon immer für unkonventionelle Ideen bekannt – und das setzt sich bis heute fort. So trafen sich alle Crailsheim-Heimkehrer am Wochenende, bevor man auf Tour ging, beim Basketball, angelockt durch eine Kiste Freibier.

Doch die Basketballer konnten nicht nur feiern, sondern auch richtig gut Basketball spielen. Und so dauerte es nicht lange, bis der erste Aufstieg zu verzeichnen war. Beim Aufstiegsspiel in Heumaden war ich der einzige Fan, ausgerüstet mit einer selbstgemalten Fanfahne und leeren Cola-Dosen, voll mit Schrauben, um Lärm zu machen.

Das Hinspiel verloren wir zwar mit sieben Punkten, gewannen aber das Rückspiel mit 14 – und so war der Aufstieg perfekt. Und viele weitere sollten folgen, die nicht weniger spektakulär waren, aber dafür schon mit deutlich mehr Zuschauerzuspruch. Damit noch mehr Leute kommen, nutzte man den Karaoke-Abend im Ratskeller und spielte sich mit Henning Ryssel an der Gitarre mit dem Song „Country Roads“ und dem Aufruf, am Tag drauf in die Großsporthalle zum Spiel zu kommen, in die Herzen des Publikums.


"Ich begrüßte als Hallensprecher bis zu 200 Zuschauer in der Kreis- und Bezirksliga."


Die Professionalisierung des ganzen Projekts zeigte sich schon damals: Vor den Heimspielen in der abgedunkelten Großsporthalle warfen wir zum Einlaufen bei Rockmusik Dias mit den Spielern in den Locations der Handvoll Sponsoren an die Wand, und als erster Hallensprecher begrüßte ich bis zu 200 Zuschauer in der Kreis- und Bezirksliga. Kein Wunder also, dass der Deutsche Basketballbund 1989 ein Länderspiel nach Crailsheim vergeben hat.

Es wurden erste Kontakte geknüpft zu Spielern aus den McKee Barracks, was uns zu etlichen Trainingseinheiten im Bubble Gym inmitten der Kaserne führte. Das war cool! Neben Reggie McLaine und Coach Lee Wilson sorgte die amerikanische Austauschschülerin Danja Thompson für ein Highlight am Spielfeldrand: die erste Cheerleader-Gruppe. Und auch hier setzten die Basketballer wieder Maßstäbe. Gemeinsam mit Weihnachtsmann Claus „Huddl“ Thoma wurde das Weihnachtsspiel mit anschließender Party am 23. Dezember zu einem festen Termin im Basketball-Kalender. Zu den Spielen nach Aalen („Oooschdalb zittert wie Sülze“) fuhr schon ein Fan-Bus. Zum Aufstiegsspiel Mitte der 1990er-Jahre gegen Neckarsulm waren es derer fünf.

War früher auch als Hallensprecher aktiv: Sebastian Klunker. Foto: Christian Rieger
War früher auch als Hallensprecher aktiv: Sebastian Klunker. Foto: Christian Rieger
Einmal Merlin, immer Merlin Image 2

Auf eigene Initiative hin mieteten wir vom Bundesvermögensamt die Sporthalle der inzwischen verlassenen McKee Barracks und spielten fortan im „Stall“. Die legendären Merlins-Feten sicherten das notwendige Einkommen, und so konnten wir Spieler aus Deutschland und dem Ausland von außerhalb anlocken.

Mit „Rockin’ around the Christmas tree“ wurden sportliche Highlights mit unglaublich guten Partys vermischt. Dort wurde die Geburtsstunde des „Wir warten aufs Volksfest“ gelegt. Oberbürgermeister Andreas Raab stach das Fass an, Live-Bands, eine tolle Deko und eine abwechslungsreiche Getränkeauswahl sorgten für die tolle Stimmung. Die DLRG (danke Jens Steinbach) mit ihrem Mini-Fackelschwimmen für den kulturellen Rahmen.

Legendärer Sieg am Betze


Nach erfolgreichen Saisons in der Landes- und Oberliga Mitte bis Ende der 1990er stürmten wir auch die Regionalliga. Nach dem entscheidenden Heimsieg gegen Kaiserslautern mit 27 Punkten und dem legendären Auswärtssieg am Betze feierten wir 2001 den Aufstieg in die zweite Bundesliga.

Nun war der Zeitpunkt für Martin Romig gekommen, nach 15 Jahren als Abteilungsleiter, als Visionär und, zusammen mit seinem Partner Markus Schmidt, als Vollzeit-Manager einzusteigen und den Staffelstab an mich und Joachim „Jojo“ Wieler als Stellvertreter weiterzugeben. Ein harter Schritt, denn beide gaben nicht nur ihr Studium auf, sondern auch ihren 1994 gegründeten Sportladen, die Sportfabrik. Und auch der Traum nach der eigenen Kfz-Werkstatt endete für den gelernten Kfz-Mechaniker Romig.

Dank der weisen Entscheidung des Gemeinderats wurde die Markthalle zur Sportarena umgebaut. In dem in Eigenleistung gebauten ersten Anbau fanden ein Büro, ein Kraftraum, eine VIP-Lounge und schließlich die Merlins eine zweite Heimat.

Viele glaubten, dass nach dem Auszug aus dem geliebten Stall, der den Baggern zum Opfer fiel, die Spitze des Eisbergs erreicht wäre. Doch im Gegenteil. Die Merlins, wie sie inzwischen hießen, etablierten sich sowohl in der zweiten Liga als auch in der Crailsheimer Stadtgesellschaft und hatten mehr Merchandising-Artikel als Alba Berlin. Nicht nur eingefleischte Basketball-Fans aus Crailsheim, sondern auch die Fans gegnerischer Mannschaften und die gegnerischen Mannschaften selbst liebten und hassten es in Crailsheim zu spielen. Zoran Banozic, menschlich, erst als Spieler, dann als Trainer ein Held, übergab das Ruder an Arne Alig an der Seitenlinie – und wieder entwickelten sich die Merlins sportlich eine Stufe weiter.

Sponsoring auf nächster Stufe

Mit dem Sponsoring-Partner VR-Bank und dem ersten Namenssponsor Proveo erreichte man die nächste Stufe. Als 2014 der erste Aufstieg in die erste Basketball-Bundesliga gelang, war aus der Sportarena schon die Hakro-Hölle geworden, gefürchtet und geliebt. Der Umzug in eine neue Halle, die Arena Hohenlohe, war ein erneutes Wagnis, aber wie so oft erwies sich das Sprichwort „Wer nicht wagt, der nicht gewinnt“, als wäre es für die Merlins erfunden worden.

Die stetige Weiterentwicklung und Professionalisierung wurden auch durch den Abstieg und zwei weitere Jahre in der Pro A nicht gebremst. Im Gegenteil. Durch die unglaubliche Unterstützung all die Jahre durch die ehrenamtlichen Helfer, die treuen Fans und Sponsoren und den unwiderstehlichen Charme der Mischung aus Verrücktheit und Professionalität stehen die Merlins heute, 35 Jahre später, dort, so ein Zitat vom ehemaligen DBB-Präsidenten Roland Geggus, wo sie hingehören: In der ersten Liga!

Und die Reise ist noch nicht zu Ende. Mit dem Bau einer erstligatauglichen Halle kehren wir in den nächsten Jahren zurück nach Crailsheim – zu unseren Wurzeln. Mit dabei sind ganz viele, die vor 35 Jahren schon dabei waren, viele, die in dieser Zeit dazugekommen sind, und in unseren Herzen die, die uns ein Stück des Weges begleitet haben und denen wir unendlich dankbar dafür sind. Einmal Merlin, immer Merlin