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Träumen & Schlafen Ohne Bett geht’s auch

Blick in ein Wohn- und Schlafzimmer im Iran in der Region Lorestan: Nach dem Mittagessen legt man sich für ein Schläfchen hin. Foto: Reza Ranjbar

Kultur: Maryam Pourbehnam und Reza Ranjbar aus Hall berichten, wie im Iran auf traditionelle Weise geschlafen wird. Beide vermissen die Nähe, die entsteht, wenn alle in einem Raum nächtigen. 

Von Elisabeth Schweikert

Alle schlafen in einem Zimmer. Die Frauen in einer Ecke, die Männer in der anderen. Wenn Besuch kommt, schlafen auch die Gäste mit im Raum. Man schwätzt noch miteinander, erzählt sich etwas. Das ist immer sehr schön.“ Maryam Pourbehnam schildert, wie in ihrer früheren Heimat, dem Iran, geschlafen wird. „Erst in den 1970er- und 80er-Jahren kamen Möbel auf, zunächst bei den Reichen, international orientierten Persern. Aber auch heute noch gibt es Familien, bei denen auf dem Boden gekocht, gegessen und geschlafen wird.“

Maryam Pourbehnam (53) arbeitet seit vielen Jahren in Schwäbisch Hall als Krankenschwester. Mit ihrem Mann Reza Ranjbar (59), der als Heilerziehungspfleger tätig ist, wohnt sie im Hällischen wie jeder andere: Zum Mobiliar gehört ein Bett mit Matratze. Das Paar, das seit 1986 in der Bundesrepublik lebt (beide haben sich erst vor sechs, sieben Jahren hier kennengelernt), stammt aus dem Iran, dem früheren Persien. Beide sind aus politischen Gründen ausgewandert.

Schlafen unterm Sternenhimmel

Reza Ranjbar lebte in einem Dorf. „Mein Opa hatte ein Lehmhaus. Im Winter schliefen wir im Haus auf dem Boden, im Sommer auf dem Dach“, erinnert sich der 59-Jährige. Im Sommer ist es oft bis zu 45 Grad heiß. Abkühlung suchen die Menschen nachts auf den Dächern ihrer Häuser. „Das vermisse ich hier sehr: im Freien schlafen.“

Sein Großvater, der einige Kühe, zwei Esel und einige Schafe hielt, war von der Moderne abgeschnitten. „Nicht mal ein Radio hat er gehabt“, erinnert sich Ranjbar. Im Sommer sammelte sein Großvater trockene Kuhfladen und schichtete diese auf dem Terrassendach zu einer Mauer auf – kreisförmig mit einem Durchmesser von etwa drei Metern. „So waren wir für uns, die Nachbarn auf den anderen Häusern waren zwar auch da, aber sie konnten nicht über diese Mauer schauen.“ Im Kreis wurden Teppiche ausgelegt, dort setzte sich die Familie abends zum Essen zusammen, dort legten sie sich zum Schlafen. „Das vergesse ich nie. Den Himmel, das gute Essen, die Kühle am Abend. Da hast du richtig gut geschlafen.“ Allerdings sei die Nacht recht früh wieder vorbei gewesen: Bereits um fünf Uhr brannte die Sonne vom Himmel. „Die Kuhfladen“, merkt Reza Ranjbar an, „hatten doppelte Funktion“: Im Winter dienten sie als Heizmaterial. „Opa hat sie verfeuert.“

Matten mit Baumwollfüllung

Geschlafen wird auf Teppichen (siehe Foto oben) aber auch auf etwa drei bis fünf Zentimeter dicken Matten. „Meine Mutter hat sie für jeden genäht. Aus bunten Baumwollstoffen. Am Abend breitete Mutter die Matten aus.“ Die Matten sind mit loser Baumwolle gefüllt. „Einmal im Jahr kommt ein Handwerker und lockert die Füllung, damit sie nicht verklumpt und man wieder gut darauf liegt.“ Kopfkissen gibt es keine, zur Unterstützung für den Kopf gibt es Polsterrollen. Maryam Pourbehnam klagt: „Die Kopfkissen sind schrecklich, viel zu weich.“

„Die Menschen fühlen sich verbunden mit der Erde“, erklärt Reza Ranjbar die Schlafkultur in Persien. Wichtig sei aber auch die nomadische Vergangenheit, „früher schliefen die Menschen in Zelten auf dem Boden“.

Obwohl das Paar mittlerweile den Komfort des Schlafens auf einer Matratze genießt: Wenn beide im Iran sind, wieder im trauten Familienkreis auf dem Boden schlafen, empfinden sie jedes Mal als Glück: Die Geborgenheit in der Familie, die Nähe zu den Angehörigen und das Schlafen auf der Dachterrasse oder dem Boden verschmelzen zu einer Einheit.

Hartes Brett in China, Sandbett in Namibia

Lehrer und Studenten am Haller Goethe-Institut haben in anderen Ländern fremde Schlafkulturen erlebt.

Aus China berichtet Jun Haua, der an der Rezeption des Goethe-Instituts arbeitet. „Die Aufregung kommt aus Süden“, zitiert Jun Haua aus dem Feng Shui, das in China bei vielen Menschen einen hohen Stellenwert habe. Er selbst halte davon nichts, „das ist Aberglaube“. Feng Shui, die chinesische Lehre der Energielenkung im Raum, empfehle, mit dem Kopf nach Osten, den Füßen nach Westen zu schlafen. Das gebe die beste Energie. Für ältere Menschen werde die Ausrichtung nach Nord- West empfohlen sowie Bettwäsche und Zimmerfarben in Hellgelb oder Weiß. „Ich selbst schlafe dort, wo das Bett steht“, sagt Jun Haua. „Als ich klein war, schlief ich auf einem harten Brett mit einer Decke. Wir liegen gerne auf harten Matratzen.“ Das hat historische Gründe: Früher schliefen die meisten Chinesen auf einem Kang, einem gemauerten Ofenbett. Eine dicke Matte hat den Wärmeeffekt zunichtegemacht.

„In England schläft jeder mit dem Handy unterm Kopf, dem Laptop auf der Bettdecke und dem Fernseher vorm Bett“, sagt Lynn Brackley, Sprachstudentin aus London. Typisch seien Wärmflaschen und Bettsocken. Sie fügt trocken hinzu: „Wir sind Engländer. Wir sprechen nicht so gerne darüber, was wir im Bett machen.“

In Japan hatte Karl Pfeiffer, Mitarbeiter des Goethe-Instituts in London, die Gelegenheit, bei einer Gastfamilie in einem traditionellen japanischen Bett zu schlafen. Auf dem Boden lag eine ein Zentimeter dicke Tatami-Matte. Als Kopfkissen gab es lediglich einen Holzblock. „Wir bekamen auch einen Hausmantel geschenkt, einen Jukate, eine Art weißer Kimono. In diesen wickelt man sich nachts ein“, berichtet er.

In Syrien hat Sabine Haupt, Leiterin des Schwäbisch Haller Goethe-Instituts, eine Zeit lang gelebt. Wenn dort Gäste zu Besuch kommen, würde ihnen zunächst ein Bett angeboten. „Zum Ausruhen“, erklärt sie, „denn man hat ja eine Reise hinter sich. Das gilt auch, wenn man nur zehn Minuten mit dem Taxi gebraucht hat.“ So verbrachte sie einmal eine Stunde mit fünf ihr völlig fremden Menschen auf einem Doppelbett der Gastfamilie. Und sie durfte das rote, überdimensional große Polyester-Nachthemd der Gastgeberin tragen.

In Namibia hat Sabine Haupt einmal an einer Safari treilgenommen. „Abends gräbt man sich mit dem Schlafsack in den Sand ein. Der gibt die Wärme des Tages ab.“ Dem Neuling bei einer Safari wurde zudem die Styroporbox mit dem mitgebrachten Grillfleisch ans Kopfende gestellt. Nachts wachte sie auf, über ihr stand eine Hyäne, die sich über die Vorräte hermachte.   sel

My bed is my castle

Kolumne

Sarah TolitschHaller Tagblatt
Sarah Tolitsch
Haller Tagblatt

Wenn ich könnte, würde ich mein Bett wahrscheinlich sogar mit in den Urlaub nehmen. Denn für mich ist es eine Oase. Hier kann ich buchstäblich zur Ruhe kommen. Das muss nicht zwingend schlafen bedeuten. Einfach abschalten und vor allem: den Rest der Welt draußen lassen. Das gelingt zwar nicht immer, sollte aber der Normalfall sein. Deshalb gilt für mich: My bed is my castle. Alles, was meinen „Burgfrieden“ stört, hat nichts in meinem Schlafzimmer verloren. Alles, was ihn fördert, ist dagegen herzlich willkommen.

Wie die komfortabelste aller Schlafstätten und auch das Drumherum letztlich ausgestattet sind, kann jeder nach seinen Vorlieben entscheiden: weich oder hart, warm oder kühl. Hell oder dunkel. Still oder mit Musik, modernem „White Noise“ oder gar Fernseher. Mit Raumduft oder ohne. Mit schnarchendem Partner – oder auch nicht.

Mein Bett zu einem Refugium zu erklären, hat für mich noch einen weiteren Hintergrund: Solange ich schlafe, kann ich mich nicht verteidigen. Zwar sind nächtliche Bären- oder Zombieangriffe eher unwahrscheinlich, aber man weiß ja nie ... Aber mal im Ernst: Das Gefühl von Sicherheit entscheidet wesentlich mit, ob ich gut schlafe oder nicht. Da kann es durchaus passieren, dass ich allein in einem stillen Hotelzimmer gefühlt schlechter schlafe als beispielsweise mit Freunden auf einem lauten, gut besuchten Open-Air-Festival. Warum das so ist, weiß ich nicht. Möglicherweise hat es etwas mit meinen älteren Brüdern zu tun, die früher einfach gut auf mich aufgepasst haben.

Wie auch immer: Mein Bett verschafft mir Nacht für Nacht erholsamen Schlaf, der mich gut in den Tag starten lässt. Dafür bin ich ihm sehr dankbar. Und meine Mitmenschen sind es vermutlich auch. Nur die Bären und die Zombies nicht.

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