Sonderveröffentlichung

Sou, bisch trotzdemm doa? - Muswiesensonderbeilage Der Einkaufszettel muss voll bleiben

Markthändler sind von der Corona-Pandemie hart getroffen. Die Kreisels aus Hessen etwa, die auf der Muswiese Haushaltswaren verkaufen, vermissen ihr Hohenloher Publikum sehr.

Der Stand der Kreisels auf der Muswiese ist seit Jahren ein beliebter Anlaufpunkt. Hier gibt’s Haushaltswaren vieler Art. Thomas Kreisel (rechts) aus Hanau in Hessen genießt die Tage in Musdorf. Der Kontakt mit den Kunden sei unkompliziert und nett – und die Gastronomie auf dem schönsten Jahrmarkt der Welt „wohl einzigartig“. Foto: Gemeinde Rot am See

12.10.2020

Tausend Mal denkt sich der Hohenloher übers Jahr: Ach, das muss ich unbedingt auf der Muswiese besorgen! Ein Messer schneidet nichts mehr? Muswiese! Kurkuma-Tee ist weggeschlürft? Muswiese! Unterhosen durchgescheuert? Muswiese! Ein Schnitzelklopfer war bei der neuen Küche nicht dabei? Muswiese! Lust auf Dampfnudeln, aber keine gescheite Pfanne? Muswiese!

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Dass dieser innere Einkaufszettel heuer nicht lustvoll abgearbeitet werden kann, sondern voll bleiben muss, ist wohl die größte Tragik des Muswiesen-Ausfalls – vor allem für jene, die all die nützlichen, leckeren, begehrenswerten Dinge im Angebot haben: die Händler, deren Geschäft seit der Corona-Pandemie stillsteht.

Da sind zum Beispiel Thomas Kreisel und Ruth Adam-Kreisel. Sie kommen aus Hanau, betreiben den „Steinheimer Dippeladen“ und kommen erst verhältnismäßig kurz auf die Muswiese: seit 2008. Gegenüber von TV-Stand, Metzgerei Laubinger und Bäckerei Sohns steht ihr Zelt, in dem es ein reichhaltiges Sortiment an Haushaltswaren von Töpfen über Pfannen bis hin zu Backutensilien wie etwa „Ausstecherle“, Springformen, Küchenhelfer und vieles mehr gibt.

E-Mail ans Rathaus

Kürzlich haben die Kreisels eine von Sehnsucht geprägte E-Mail an Muswiesen-Organisatorin Beate Meinikheim im Rathaus von Rot am See geschrieben. „Heute wäre der Tag gewesen, an dem wir unseren Fußboden gelegt hätten“, heißt es darin. „Wir werden die Muswiese mehr als nur vermissen.“

„Wir vermissen Normalität“

Die hessischen Händler haben die Krisenzeit genutzt, um manche liegengebliebene Renovierungsarbeit zu erledigen, sie dürfen seit August auf dem Hanauer Marktplatz verkaufen. Und doch: „Was wir vermissen, ist ganz klar Normalität, Klarheit, Orientierung, besonders für unsere Berufsgruppe, die als erste aus dem Spiel genommen wurde und als letzte wieder rein darf, wie es scheint“, sagt Thomas Kreisel im Gespräch mit unserer Zeitung.

Was den Kreisels heuer auch fehlen wird: „So ein Markttag auf der Muswiese, der beginnt mit Aufstehen um 6 Uhr. Um 7.30 Uhr geht’s zum Stand. Da werden die Spuren der Nacht beseitigt, im Zelt wird Ordnung gemacht, geräumt, gekehrt und geputzt – damit, wenn die Ersten kommen, es wieder gut aussieht. Dann gibt’s eine Laugenbrezel vom Bäcker Sohns und einen Schneeballen. Montag ist Ruhetag: Räumen im Stand, Schnitzel beim Pressler, Ausflug in die Umgebung.“

Die Muswiese sei faszinierend, findet Thomas Kreisel, „ein Treiben, das schwer zu beschreiben ist, das muss man erleben! So etwas kann wohl nur entstehen, wenn eine ausgewogene Präsenz von allen möglichen Gewerbebetrieben aus den unterschiedlichsten Richtungen mit großer Qualität und Quantität gegeben ist. Gepaart mit uns Kram-Markthändlern, die sich auch vielfältig zu präsentieren wissen, professionell, im Großen wie im Kleinen.“ Und, natürlich: „Die Gastronomie ist wohl einzigartig!“

Wissbegierige Kunden

Seine Kunden in Musdorf beschreibt Kreisel als „unkompliziert, nett, redegewandt, nicht sprachfaul, wissbegierig und selbstbewusst“. Die Hanauer Händler würden lieber heute als morgen wieder mit den Hohenloher Einkaufszettel-Abarbeitern Geschäfte machen.

„Als erstes, wenn wir nächstes Jahr nach Rot am See kommen, werden wir abends ins ,Lamm’ gehen, um uns verwöhnen zu lassen, und dort eventuell den alten Marktmeister treffen, der immer herrliche alte Geschichten über die Muswiese zu erzählen weiß“, sagt Kreisel – und sendet einstweilen eine Botschaft aus der Ferne: „An alle, die wir kennen und die uns kennen, die besten Grüße. Wir freuen uns sehr darauf, Sie wieder zu sehen. Bleiben Sie gesund.“ Sebastian Unbehauen