Sonderveröffentlichung

Sou, bisch trotzdemm doa? - Muswiesensonderbeilage „Lange Wärscht, korze Predichte“

Rezzo Schlauch war nicht nur der erste Grüne, der auf der Mittelstandskundgebung sprechen durfte. Er ist auch Muswiesen-Stammgast. Hier klagt er sein Leid.

Hellwach, gut gelaunt und in eine Plauderei vertieft: So kann man den früheren Grünen- Spitzenpolitiker Rezzo Schlauch, der aus Bächlingen kommt und „in Stuagart hinde“ wohnt, regelmäßig auf der Muswiese beobachten. 2020 darbt auch er. Es „fehlt, fehlt und fehlt“, schreibt Schlauch. Recht hat er. Foto: Ufuk Arslan

12.10.2020

Ein tiefes schwarzes Loch des Nichts ist dieses Jahr in den Kalender gerissen, vom 10. bis zum 15. Oktober. Und wenn es beim Kalender bleiben würde, wäre es ja zu verschmerzen, aber leider erschüttert dies auch tief die Hohenloher Seele und greift die allgemein bekannte psychische und physische Stabilität einer jeden bekennenden Hohenloherin und eines jeden bekennenden Hohenlohers an. Die magische Muswiese findet nicht statt, sie fällt der Corona-Pandemie zum Opfer.

Es ist wohlbekannt, dass für die Hohenloher in Abweichung zur herrschenden Kirchenlehre Niederfallet, Kärwe und Muswiese die höchsten kirchlichen Feiertage sind. Getreu dem Motto: „Lange Wärscht und korze Predichte“.

Als Angehöriger eines feierund reisefreudigen Völkchens hat man, wie ich selbst, natürlich auch mal das weltgrößte organisierte Besäufnis, die Münchner Wiesn der Bayern, und den näherliegenden Cannstatter Wasen der Schwaben besucht. Auch das insbesondere für die Horaffen wichtige Craalsemer Volksfest muss man gesehen haben. All diese großen Feste hat Corona dieses Jahr gleichermaßen aus dem Kalender radiert. Ich weiß nicht, wie es den geneigten Leserinnen und Lesern geht – mir geht’s damit jedenfalls erdenmäßig schlecht: Wiesn, Wasen und, wenn’s sein muss – die Horaffen mögen es mir verzeihen –, auch das Volksfest kann ich verschmerzen, aber die Muswiese?! Nie und nimmer! Ein Jahr ohne Muswiese ist für mich kein Jahr! Und ohne Muswiese kann es eigentlich auch nicht Weihnachten werden.

Ein Jahr ohne „Pfuuhsen“

Ein Jahr ohne die drei herbstlichen Tage mitten in der Woche mit Schlachtplatten, „wu de vor lauter Flaasch und Wärscht koa Kraut net siechscht“, mit tonnenweise Schnitzel und Schweinsbraten und süffigem Bier, das immer fassfrisch auf den Tisch kommt – zu erkennen daran, dass alle Stunde ein nicht zu überhörendes „Pfuuhsen“ durch den Schankraum dringt, zum Beweis, dass schon wieder das nächste Fass dran ist. Und zwar von den heimischen Brauereien, seit Generationen in Familienhand, mit denen man seit der Konfirmation groß geworden ist und für die ich die „Konzernbiere“ gerne stehen lasse.

Ein Jahr ohne Bummel durch den sich über einen Kilometer hinziehenden umsatzstärksten Krämermarkt Deutschlands, auf dem ich im letzten Jahr einen massiven Korkenzieher, einen robusten Nagelzwicker, duftende Gewürze und mehrere Packen Socken kaufte, auf dem man alte Freunde und Bekannte, die man schon lange nicht mehr gesehen hat, trifft („Sou, ah a weng doa?“), mit denen man sich dann auf später auf ein oder mehrere Spielbächer beim Pressler, oder bei Dunkelheit und vor dem Heimweg auf einen oder mehrere Kurze bei der Landjugend, wo zu später Stunde immer der Bär rockt, verabredet.

Ja, das alles und noch viel mehr fehlt, fehlt und fehlt – und ist durch nichts zu ersetzen. Oder vielleicht doch? Wie wär’s denn, Herr Bürgermeister Gröner, vorausgesetzt Bill Gates und sein deutsches Pendant Dietmar Hopp mit ihrer Biotechfirma in Tübingen kommen im Winter mit einem Impfstoff auf den Markt, wenn Sie mit ihrem Gemeinderat eine Frühjahrs-Muswiese ausrufen, so dass wir 2021 gleich zweimal feiern können? Nein, nein, Spaß beiseite, die Muswiese funktioniert nur, wie sie immer funktioniert hat. Ich kann es kaum erwarten. Rezzo Schlauch