Sonderveröffentlichung

Sou, bisch trotzdemm doa? - Muswiesensonderbeilage Mächtige Todfeinde der Muswiese

Das Corona-Virus ist nicht der erste Bösewicht, der Hohenloher Herzensfreude raubt: Seuchen und Kriege haben dem Jahrmarkt in Musdorf schon in früherer Zeit den Garaus gemacht.

Im Jahr 2020 verbreitet das Corona-Virus Angst und Schrecken. 1938 war es die Maul- und Klauenseuche, die auch in Hohenlohe wütete und zur Absage der Muswiese führte. Mit solchen Schildern wurde vor der für Tiere hoch ansteckenden Krankheit gewarnt. Foto: Archiv

12.10.2020

Die Träneneimer stehen schon seit Monaten bereit – und werden sich spätestens jetzt, da die Muswiese eigentlich beginnen würde, vollends füllen. Allerdings mussten auch schon frühere Generationen notgedrungen auf unbändigen Saus und Braus in den Budengassen und in den Wirtschaften verzichten.

Die ältesten Dokumente in Sachen „Ausfall der Muswiese“ reichen knapp 400 Jahre zurück. In den Jahren 1627 und 1628 wütete die Pest auch in Hohenlohe. Der „Schwarze Tod“ raffte die Menschen zu Tausenden dahin, an einen Jahrmarkt war nicht zu denken. Nur wenige Jahre später forderte auch der verheerende Dreißigjährige Krieg seinen Tribut: Die Muswiese in den Jahren 1634 bis 1637 sowie 1645 fiel aus.

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Ein Jahr später herrschte anno 1646 zwar wieder Handel und Wandel in Musdorf. In den überaus unsicheren Zeiten war aber ein Aufgebot von 43 Musketieren notwendig, um die Muswiese vor marodierenden Banden und allerlei finsteren Gestalten zu schützen. Gut möglich, dass der Metzgertanz hier seine historischen Wurzeln hat: Der Legende nach wehrten die kräftigen, messergeübten Mannsbilder mitsamt ihren Hunden einen Raubüberfall auf den Markt ab und erhielten im Gegenzug das bis zum heutigen Tag gepflegte Privileg, rings um ein Feuer zu tanzen.

Die Muswiese des Jahres 1673 wurde zwar abgehalten, aber auf Ende Oktober verschoben. Der Grund: In der Gegend lagerten französische und kaiserliche Truppen. Offenbar fürchteten die Marktverantwortlichen, dass sich die zusammengewürfelte, wilde Soldateska nicht mit einem friedlichen Jahrmarkt und seinen Besuchern verträgt.

Angst vor der Cholera

In der Folgezeit blieb die Muswiese offenbar von kriegerischen Folgen verschont, bis im Jahr 1866 eine gefürchtete Krankheit in Süddeutschland auftauchte: In Teilen von Baden und Bayern breitete sich die Cholera aus, weshalb die „Königliche Regierung des Jaxt-Kreises“ den Jahrmarkt in Musdorf aus „sanitätspolizeilichen Gründen“ zunächst vorsichtshalber absagte, dann aber doch noch gestattete.

Krieg und Dürre

Ersatzlos gestrichen wurde die Muswiese in den Jahren des Ersten Weltkrieges. Erst 1921 gab es einen Neustart – wobei in diesem Jahr eine extreme Dürre herrschte, die Bauern und ihr Vieh unter massivem Wassermangel litten und die Muswiese nur mit Hilfe der Gemeinde gerettet werden konnte, die das kostbare Nass mit Fässern gen Musdorf karren ließ.

Die Muswiesen-Herrlichkeit brach aber zwei Jahre später wieder abrupt ab: Die galoppierende Inflation in den Jahren 1923 und 1924 erstickte die Geschäfte und den Konsum auf der Muswiese im Keim, der Markt fiel erneut aus.

Im Jahr 1938 schließlich sorgte erneut eine hoch ansteckende Krankheit für Angst und Schrecken im Hohenloher Land: Das heimtückische Virus der Maulund Klauenseuche kam bereits im Herbst 1937 mit einem Schaf- Transport von Nordafrika nach Frankreich und breitete sich in Windeseile in ganz Europa aus.

Die Grenzen von Hohenlohe erreichte der Erreger, der binnen weniger Tage massenweise Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen in den Ställen dahinraffte, am 22. März 1938: Die ersten Fälle traten in Wittau bei Crailsheim und in Reinsbürg bei Reubach auf, Dorf um Dorf folgte in den nächsten Wochen.

Erster „Lockdown“

Vor diesem furchtbaren Feind, der nur für das Vieh, aber nicht für die Menschen hoch gefährlich war, musste auch die Muswiese kapitulieren: Viel zu hoch war das Risiko, dass die Besucher des Jahrmarkts das Virus in die Ställe ihrer bislang verschonten Ortschaften verschleppt hätten. Ohnehin standen die betroffenen Bauernhöfe unter strikter Quarantäne. Nachbarn erledigten dringende Einkäufe und stellten die Waren und Lebensmittel in sicherer Entfernung vor den Häusern ab. Versammlungen aller Art waren unter Androhung von drakonischen Strafen verboten. Selbst die allmächtige NSDAP musste sich an diesen ersten „Lockdown“ in Hohenlohe halten.

Stunde Null“ mit Dünnbier

Erst im Winter 1938 verschwand die Maul- und Klauenseuche wieder aus Hohenlohe, das Virus hatte sich tot gelaufen. Am politischen Horizont zeichnete sich da schon die nächste Katastrophe ab: Am 1. September 1939 zettelte der „Führer“ Adolf Hitler mit dem Überfall auf Polen den Zweiten Weltkrieg an – bis zum Kriegsende gab es keine Muswiese mehr.

Erst im Jahr 1946 organisierte eine Handvoll Muswiesen-Freunde einen bescheidenen Neustart – mit Dünnbier, Bockwürsten und Salzheringen. Nur zehn Händler waren bei dieser „Stunde Null“ der Muswiese mit von der Partie.

Auch in der Nachkriegszeit lief nicht immer alles nach bewährtem Plan. Im Jahr 1982 etwa machte ein heftiges Unwetter den Metzgertänzern einen Strich durch die Rechnung, ihr Auftritt musste vom traditionellen Mittwoch auf Donnerstag verlegt werden. Hunde und Katzen regnete es auch im Jahr 2000, der Reigen um das Feuer fiel komplett aus.

Zum Spielball der Politik wurde der Tanz dann noch einmal im Jahr 2008: Der frühere bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber war für die BDS-Mittelstandskundgebung wie üblich am Muswiesen- Donnerstag gebucht, hatte dann aber kurzfristig nur noch einen Termin tags zuvor frei. Zähneknirschend akzeptieren die Metzgertänzer, dass sie schon am Dienstag um das Feuer tanzen sollten.

Seit 1978 setzt ein Feuerwerk am Donnerstagabend den farbenprächtigen Schlusspunkt hinter die offiziellen Muswiesen-Tage. Im Jahr 2001 allerdings wurde nach den Terrorangriffen einen Monat zuvor auf das World Trade Center in New York auf das faszinierende Spektakel am Musdorfer Himmel verzichtet. Harald Zigan