Sonderveröffentlichung

Sou, bisch trotzdemm doa? - Muswiesensonderbeilage Wenn ein Stück Lebensfreude fehlt

Bürgermeister Siegfried Gröner hadert mit dem Muswiesen-Ausfall, aber für ihn gab es dazu keine Alternative. Was 2020 bleibt, ist der Taler zum Jahrmarkt und ein Quiz.

Ironie der Geschichte: Bereits 2016 zierte ein Virus den Muswiesen-Taler. Schließlich lautete das Motto seinerzeit „Muswiesen-Virus“. Dieser Erreger freilich war sehr viel harmloser als der listige Lump namens Corona. Hoffen wir, dass er sich an der Muswiese 2020 sattgefressen hat und nächstes Jahr auf dem Taler wieder der Frohsinn regiert. Grafik: Koval

12.10.2020

Wenn du aufstehst und denkst: Jetzt wäre ich dann normalerweise gleich auf der Muswiese“, sagt Siegfried Gröner, „dann wird das nochmal ein gravierender Tiefpunkt, denke ich.“ Freilich: An den Gedanken, dass es 2020 wahrscheinlich nichts wird mit der herbstlichen Herrlichkeit in Musdorf, konnte sich der Bürgermeister von Rot am See schon im fürchterlichen Frühjahr gewöhnen. Früh sagte er dem HT, dass er sich berstende Budengassen und wohlige Wirtschaftsabende unter Corona-Bedingungen eigentlich nicht vorstellen könne. Die offizielle Absage kam dann, als Bund und Länder ankündigten, Großveranstaltungen bis Ende Oktober zu verbieten.

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„Man weiß also, was auf einen zukommt, aber wenn es so weit ist, ist es doch nochmal etwas ganz anderes“, sagt Gröner. „Die ganze Situation ist irreal. Auch jetzt noch. Ich habe es ehrlich gesagt noch gar nicht richtig kapiert.“


"Die ganze Situation ist irreal. Ich habe es ehrlich gesagt noch gar nicht richtig kapiert."

Siegfried Gröner Bürgermeister von Rot am See


Er wird es vielleicht schmerzhaft verstehen, wenn er am Samstagabend intuitiv den Hammer in die Hand nimmt, aber weit und breit kein Franken-Bräu-Fässle steht, um das Bier spratzen zu lassen. Er wird es verstehen, wenn er Sonntagfrüh ans Ufftata des Musikvereins denkt, aber es nirgends erklingt und weit und breit keine Gewerbeausstellung in der Landschaft steht, die er eröffnen könnte. Er wird es verstehen, wenn am Dienstag kein Jungvieh durch Musdorf stolziert und es nirgends nach Kutteln duftet, wenn am Mittwoch keine Metzger tanzen und am Donnerstag kein Feuerwerk knallt. Vielleicht versteht Gröner es auch erst, wenn der kalte Winter ums Eck kommt und der bürgermeisterliche Schrank keine neuen Polar- Socken beherbergt.

Es ist ein Jammer. „Es bricht einfach ein Stück Lebensfreude im Oktober weg“, sagt Gröner. „Der Spaß fehlt, das Vergnügen, die Geselligkeit, der Werbeeffekt für Rot am See.“

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Kein Ersatzprogramm

Manche sagten: Bietet doch irgendein Ersatzprogramm zur Muswiese. Aber davon hielt und hält Gröner nichts. „Für solche Konzepte habe ich in Städten Verständnis, wo es eine Fußgängerzone und Laufpublikum gibt. Aber hier müsste ich mit der Veranstaltung aufs Muswiesengelände gehen, ich müsste es einzäunen, müsste die Leute zählen und befürchten, dass sich Menschentrauben vor dem Eingang bilden.“ Außerdem: „Wie sollten wir eine Auswahl an Händlern treffen? Wie sollte ich jemandem erklären, dass der eine kommen darf, der andere nicht?“

Ganz zu schweigen von der Angst, ein Superspreading-Event zu kreieren. „Ich habe eine Verantwortung für die Gesamtbevölkerung hier. Und ich will keine Schule, keine Kindergartengruppe zumachen. Das hat nichts damit zu tun, dass ich Händler und Schausteller nicht mag – ganz im Gegenteil!“, betont der Bürgermeister. Auch deshalb hat die Gemeinde die Südwest Presse Hohenlohe unterstützt, als diese einen virtuellen Jahrmarkt auf den Weg brachte.

2020 ist zwar ein Jahr ohne Muswiese, aber keines ohne Muswiesen- Taler. Der Fassbinder- Film „Angst essen Seele auf“ kommt einem in den Sinn, wenn man das Design von Darius „Koval“ Kowalik sieht: Virus essen Muswiese auf. Ein logisches Motiv. Die Ehrengäste haben statt einer Einladung zur Eröffnung einen Taler zugeschickt bekommen. Wer ebenfalls eines der Sammlerstücke haben möchte, kann es für drei Euro im Rathaus kaufen. Und wer ein Muswiesen- Paket mit Produkten verschiedener Händler gewinnen will, der kann am Quiz der Gemeinde (siehe Anzeige auf Seite 2) teilnehmen. All das wird die Muswiese zwar nicht ersetzen, aber es verkürzt die Zeit bis 2021. Dann, im Herbst, wird hoffentlich wieder gefeiert – oder? „Wir sind überzeugt davon“, hat Bürgermeister Gröner in seinem Grußwort zu dieser Beilage geschrieben.

Wenn Sie, liebe Leser, die virtuelle Muswiese besucht, einen Taler gekauft und am Quiz teilgenommen haben, dann drücken Sie gerne die Daumen, dass Gröner recht behält. Sebastian Unbehauen