Sonderveröffentlichung

Leben und Wohnen im Alter Wenn die Kilos schwinden

Gesundheit: Bei Gewichtsverlust im Alter steckt nicht zwangsläufig eine Krankheit dahinter. Mitunter spielen ganz andere Faktoren eine Rolle.

Soziale Kontakte sind wichtig: Essen in Gemeinschaft kann helfen, Appetitlosigkeit zu überwinden. Foto: © Hunor Kristo - Fotolia.com  

19.10.2020

Ein paar Kilos weniger auf die Waage zu bringen schadet bei vielen Menschen nicht. Doch im Alter ist das anders. Bei Senioren kann ein Gewichtsverlust unangenehme Folgen haben, „weil sie dabei neben Leistungsfähigkeit auch Muskulatur verlieren“, sagt Prof. Rainer Wirth, Direktor der Klinik für Altersmedizin und Frührehabilitation am Marien-Hospital in Herne.
    

Risiko von Stürzen erhöht sich

Eine mögliche Folge ist ein höheres Risiko von Stürzen, die langwierige Krankenhausaufenthalte nach sich ziehen können. Viele Senioren wollen auch gar nicht abnehmen. Die Kilos purzeln ungewollt. Doch wann ist das bedenklich? „Kritisch wird es, wenn ein älterer Mensch über zehn Prozent seines Körpergewichts innerhalb eines halben Jahres verliert“, erklärt Prof. Matthias Banasch, Chefarzt der Klinik für Innere Medizin am Florence-Nightingale-Krankenhaus in Düsseldorf.

Idealerweise suchen Senioren schon bei ersten Anzeichen von ungewolltem Gewichtsverlust einen Arzt auf. Je früher gegengesteuert wird, desto besser für den Patienten. „Die Ursachen können vielfältig sein, und nicht selten kommen mehrere Faktoren zueinander“, erläutert Wirth, der im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie ist. „Ein ungewollter Gewichtsverlust kann, muss aber nicht zwingend, mit einer Tumorerkrankung einhergehen“, ergänzt Banasch. Auch ein unerkannter Diabetes oder eine Funktionsstörung der Schilddrüse sind mögliche Ursachen für eine Abnahme.
     

Neurologische Erkrankungen wie Parkinson oder eine dementielle Entwicklung können ebenfalls zu ungewolltem Gewichtsverlust führen. Gleiches gilt für schlecht sitzende Zahnprothesen oder Schluckstörungen. Bestimmte Medikamente können als Nebenwirkung Appetitlosigkeit haben, sagt Wirth. Auch Patienten mit einer depressiven Stimmung verspüren mitunter weniger Appetit und essen nicht die gewohnte Menge. „Oft lässt sich die Ursache für den ungewollten Gewichtsverlust schon bei einem Gespräch mit dem Patienten eingrenzen“, sagt Banasch.

Ein Beispiel: Ein Mann isst seit dem Tod der Frau nicht mehr regelmäßig. Zur Trauer über den Verlust kommt hinzu, dass die Frau jahrzehntelang für das Kochen im Haushalt zuständig war. In solch einem Fall könne im Arztgespräch bereits der Tipp helfen, sich Mahlzeiten per „Essen auf Rädern“ nach Hause liefern zu lassen, sagt der Mediziner.

Ein weiterer Aspekt: „Viele Menschen sind im Alter oft einsam und kommen nicht damit klar, alleine essen zu müssen“, erklärt Wirth. Sie sollten daher so oft wie möglich in Gesellschaft speisen und dazu zum Beispiel Angehörige, Freunde oder Nachbarn einladen. Oft führt auch ein veränderter Geschmackssinn bei älteren Menschen dazu, dass sie Essen als fade empfinden. Weil man dieses Empfinden kaum wiederherstellen kann, gilt hier: im Zweifel stärker würzen.
     

Empfohlen wird, viel Gemüse und Obst zu essen. Außerdem sollte man genügend Eiweiß zu sich nehmen. Foto: Archiv
Empfohlen wird, viel Gemüse und Obst zu essen. Außerdem sollte man genügend Eiweiß zu sich nehmen. Foto: Archiv

Kleinere Mahlzeiten über den Tag


Große Portionen schaffen viele Menschen im Alter nicht mehr. Indem sie mehr kleinere Mahlzeiten über den Tag verteilen, stellen sie dennoch die notwendige Kalorienzufuhr sicher. Wichtig ist, dabei genügend Eiweiß zu sich zu nehmen, betont Rainer Wirth. Dies beugt altersbedingtem Muskelschwund vor. Eiweißhaltig sind Fleisch, Fisch, Eier, Käse und Milch, aber auch Erbsen und Linsen.

Für den Muskelerhalt braucht der Körper außerdem Mineralstoffe und Vitamine – also sollte man möglichst viel frisches Obst und Gemüse, Nüsse, Vollkornprodukte und gesunde Öle wie Oliven- oder Rapsöl verzehren. Von Sabine Meuther, dpa


Im vertrauten Umfeld

Alter: Dazu muss das Wohnumfeld stimmen: Die meisten Menschen wollen zu Hause leben.

Wohnen im Alter assoziieren viele Menschen mit einem Pflegeheim. Die häufigste Wohnform im Alter ist jedoch die „normale“ Wohnung. Etwa 93 Prozent der Menschen, die 65 Jahre und älter sind, leben in einer ganz normalen Wohnung oder in einem Haus. Nur etwa sieben Prozent verbringen ihren Lebensabend in Sonderwohnformen, wie in Heimen (vier Prozent), im Betreuten Wohnen (zwei Prozent) oder in speziellen Altenwohnungen (ein Prozent).

Das entspricht den Wünschen der meisten Betroffenen – Umfragen zeigen immer wieder, dass die Befragten so lange wie möglich in ihrer gewohnten Umgebung bleiben wollen und im vertrauten Umfeld. Hier kennt man sich aus, hat eine Beziehung zu den Nachbarn, weiß, wo alles ist. Ein Umzug erfolgt meist nur, wenn es aus gesundheitlichen Gründen nötig ist.

Betreuung in den eigenen vier Wänden

Leichtere Einschränkungen oder eine niedrige Pflegestufe sind auch kein zwingender Grund für einen Umzug. Oft reicht es, wenn Angehörige helfen oder ein Pflegedienst nach dem Rechten schaut. In solchen Fällen ist es allerdings wichtig, die Wohnsituation entsprechend anzupassen. Denn körperliche Einschränkungen können den Wohnkomfort in einer „normalen“ Wohnung teils erheblich einschränken.

Ein weiterer Baustein ist die Betreuung in den eigenen vier Wänden. So sollte sichergestellt sein, dass mindestens einmal täglich jemand nach dem Rechten sieht. Sind die Angehörigen selbst berufstätig, haben vielleicht sogar noch minderjährige Kinder, dann ist Organisation alles. Sozialdienste, ambulante Pflegedienste oder auch Betreuungskräfte, oft aus Osteuropa, können Angehörige unterstützen.

Die häufigste Wohnalternative zum eigenen Zuhause ist ein Heim. Knapp 14 000 Pflegeheime gibt es in Deutschland. Sie versprechen eine professionelle Betreuung, zugeschnitten auf die Bedürfnisse von älteren Menschen. Dabei gibt es in der Regel einen bunten Mix – nicht alle Bewohner sind bettlägerige Patienten. Auch rüstige Senioren, die aktiv sind und Wert auf eine inspirierende Freizeitgestaltung legen, leben hier. Nicht selten bieten Heime auch betreutes Wohnen an.

Die Ausnahme sind spezielle Wohnformen wie Mehrgenerationenwohnen oder eine Senioren-WG. In Großstädten sind solche Modelle in den vergangenen Jahren verstärkt nachgefragt. In einer Senioren-WG können die Bewohner einen Teil ihrer Pflegeleistungen quasi „zusammenwerfen“. In der Fachsprache nennt man das Pooling. Kommt zum Beispiel ein Pflegedienst zur hauswirtschaftlichen Versorgung, ist der Mehraufwand für mehrere Personen gering. Diese gesparte Zeit kann in zusätzliche Leistungen investiert werden.

Klassischerweise werden Leistungen, die nicht von der Pflegekasse bezuschusst werden, von Angehörigen ausgeübt. Man fährt mit der Oma zum Einkaufen, bügelt für den Opa die Wäsche oder putzt das Haus der Eltern. Nicht umsonst wird die Familie oft als „größter Pflegedienst Deutschlands“ bezeichnet. Egal, für welche Wohnform man sich entscheidet: Das Wichtigste ist, dass die Betroffenen sich wohlfühlen. Offene und ehrliche Gespräche über die Bedürfnisse und Wünsche aller Beteiligten sollten dabei selbstverständlich sein. Kerstin Auernhammer