Die Zeitung baut Brücken in alle Welt Vom Schloss er zum Millionär

31.12.2018

Alfred Schmid aus Schnaitheim in Sterling/Michigan/USA

Ich heiße Alfred Schmid und bin 1939 in Schnaitheim in der Brenzlestraße 16 geboren. Meine Mutter, mein Bruder Heinz und ich haben während der Kriegsjahre meistens bei unseren Großeltern Jakob und Katharina Kraft gewohnt. Mein Vater war in Russland. Bevor er heim kam, war unsere Mutter 1945 gestorben. Von da an sind wir bei den Großeltern aufgewachsen.

Ich bin in Schnaitheim zur Volksschule gegangen und habe anschließend bei Voith eine Lehre als Maschinenschlosser angenommen. Nach meiner Lehre und Berufsschule ging ich ein paarmal auf Montage, in den Schwarzwald und nach Norwegen zum Papiermaschinen-Aufbau.

Dann ging es los nach Kanada. Ein Freund von mir, Herbert Bantleon, und ich sind zusammen im Jahr 1959 ausgewandert. Nach vier Jahren in Kanada bekamen wir einen Anruf vom Schnaitheimer Leonard Bantleon, der hatte eine kleine Fabrik in Warren im Staate Michigan/ USA, nördlich von Detroit. Er wollte seinen Laden umstellen auf Maschinenbau. General Motors baute ein riesiges Technologie-Center in Warren/Michigan. Da war eine wahnsinnige Nachfrage an Maschinen für die großen Drei: General Motors, Ford und Chrysler.
Alfred Schmid
Alfred Schmid
Mit unserem Beruf dauerte es damals nur zwei Monate, um nach Amerika einzuwandern. Mein Bruder, der in der Zwischenzeit nach Kanada gekommen war, und ich gingen los. Herbert, der in Österreich geboren war, hatte ein zweijähriges Problem, einzuwandern.

Der Maschinenbau war ein unglaublicher Erfolg. Nach zwei Jahren mussten wir einen riesigen Anbau machen. Einige von den In-Line-Transfer-Maschinen waren beinahe 60 Meter lang. Damals gab es Dutzende von kleineren deutschen Tools in Detroit. Wir konnten ja nicht alles selber im Haus herstellen, so arbeiteten wir mit einigen von denen zusammen, die wir meistens im Deutschen Club kennenlernten.

Meine erste Frau war aus Kanada, wir haben einen Sohn, Gregory, 50 Jahre alt, er wohnt in der Nähe von uns in Arizona. Wir haben hier drei Enkelkinder. Er ist Einkäufer bei der Wells Fargo Bank und kauft alles, vom Papier bis zu den Computern. Dafür ist er viel unterwegs, 4 bis 5 Mal im Jahr in Hong Kong. Joanne und ich sind jetzt 38 Jahre verheiratet, sie brachte die beiden Kinder Todd und Kimberly mit. Beide arbeiten im Campground in Vollzeit. Todd ist noch ledig, Kim & Wade haben zwei Kinder. Im Sommer haben wir 45 bis 50 Angestellte, im Winter geht‘s runter auf acht Leute.

Meine jetzige Frau Joanne ist aus New Hampshire, ihr Slogan ist „Live Free or Die“ und sie war genauso orientiert wie ich: „One happy Family“ damals! Wir lebten wie der König in Frankreich. Ich hatte ein festes Monatsgehalt und alle zwei Wochen einen Scheck für Überstunden. Ich konnte von meinen Überstunden sehr gut leben und mein Gehalt ging für Jahre auf die Bank. Nach 15 Jahren mit 10 bis 12 Stunden Arbeit am Tag und einer Familie zuhause, da musste sich etwas ändern. Ich kaufte also ein Motorhome und wir gingen nach Florida für ein paar Wochen. Als wir zurückkamen, wusste ich, was ich machen musste: Ein Campground in Michigan, sechs Monate offen und sechs Monate geschlossen. Das wäre ideal.
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Gesagt, getan. Unser Campground liegt am Rifle River in Sterling/Michigan. Wir haben beinahe zwei Meilen am Fluss entlang mit 350 Einheiten; die meisten sind „full hook ups“, also mit Strom, Wasser und Abwasser. Dazu haben wir noch zwölf „Log Cabins“ für Familien mit bis zu sechs Personen. Wenn wir im Sommer ausgebucht sind, haben wir meistens so um die 2000 Leute im Camp.

Wir sind ein moderner Campground mit allen Annehmlichkeiten wie Toiletten, Duschen, Waschsalon und so weiter. Unsere Gäste kommen meistens aus Michigan, Ohio, Indiana und Kanada. Natürlich gibt es auch einen sehr gut ausgerüsteten Laden mit Lebensmitteln, Bier und Wein, Camping Goods, Sportkleidung, Eiscreme und so weiter.

Eine große Rolle, und wir sind mit bis zu 1500 Einheiten einer der größten im Mittleren Westen, spielen Vergnügungen auf dem Wasser mit Booten, Kajaks und großen Schwimmreifen. Für die verschiedenen Längen von unseren Trips haben wir unsere eigenen fünf Grundstücke am Fluss entlang, wo wir unsere Boote und Tubes einsetzen. Die Leute werden per Bus zu den „designated“-Landungen transportiert. Mein Campground ist vom Mai bis Mitte Oktober offen, heute führt unser Sohn Todd den Platz. Überwintern tun wir in unserer „Wüsten- Oase“ im warmen Arizona nahe Phoenix und gelegentlich bekommen wir auch Besuch aus der alten Heimat.

Das Leben ist gut. Jetzt bin ich ein amerikanischer Millionär, ein Pilot, ich hatte mein eigenes Flugzeug, ein Kapitän auf meiner Yacht auf den großen Seen und ein 42-Fuß-Wohnmobil. Sowas gibt es nur in Amerika. Auf meinem Reisepass bin ich ein Amerikaner, im Herzen immer noch ein Deutscher: a Schnoidamer im Ausland.

Allen viele Grüße und Frohe Weihnachten Alfred.

PS: Viele Grüße an Willie und die Neuners.

E-Mail: alschmid22@gmail.com
Website: www.riverviewcampground.com

Der Musik wegen in Schweden

Annika Baetge aus Heidenheim in Fristad bei Göteborg, Schweden

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”Das ist ja Deutschland wie im Bilderbuch! Die Leute sind alle so nett und aufgeschlossen! Und herrlich warm ist es auch! Warum bist du denn hier weggezogen?“ Als mein schwedischer Kollege das zu mir sagte, standen wir gerade in einem der winkeligen Gässchen am Schlossberg, oberhalb der Hinteren Gasse, und guckten über die Dächer von Heidenheim. Es war Mitte Juni 2015, die Rosen in den Gärten blühten in voller Pracht, in der Stadt unten war Markt und das Thermometer zeigte fast 30°C. Seine erste Begegnung mit Heidenheim.

Anlass unserer Reise war der erste Besuch unseres Jugendorchesters ”Fristads Ungdomsorkester” welches wir gemeinsam leiten, beim Jugendblasorchester der Musikschule Heidenheim. Seit 2014 besteht die Musikschulpartnerschaft zwischen Fristad und Heidenheim und seither hat jedes Jahr eine Begegnung entweder in Fristad oder in Heidenheim stattgefunden.

Erst im Juni dieses Jahres waren wir erneut eine Woche mit unserem Orchester in Heidenheim. Eines unserer Konzerte spielten wir im Werkgymnasium, wo ich 2003 Abitur gemacht habe. Und es war mir eine besondere Freude, ein paar bekannte Gesichter aus meiner Schulzeit im Publikum zu entdecken.

2011 zog ich mit meinem inzwischen Ehemann Jonas in die Nähe von Göteborg in Schweden. Was anfänglich als zweijähriges Projekt zwecks Aufbaustudium gedacht war, entwickelte sich allmählich zur neuen Heimat. Noch vor Studienende hatten wir beide unbefristete Vollzeitstellen in benachbarten Orten – das ist bei der Kombination Kontrabassist/Komponist und Klavierlehrerin nicht selbstverständlich.

Anderthalb Jahre später zogen wir also erneut um, nach Fristad in der Kommune Borås, etwa eine Autostunde östlich von Göteborg. Hier wohnen wir seither, am Rande eines Naturreservats und drei Minuten Fußweg von einem See mit Badestelle entfernt, aber dennoch in fahrradfreundlicher Entfernung zum Ortskern mit Supermarkt, Apotheke und Tankstelle. Borås, wo mein Mann an der Kulturschule arbeitet, ist ähnlich groß wie Heidenheim und zwölf Kilometer entfernt.

Spricht man mit anderen deutschen Auswanderern in Schweden, so hört man immer wieder, dass es vielen schwerfällt, mit Schweden Kontakt aufzunehmen und sich zu integrieren, weil ”die Schweden“ so zurückgezogen seien. Entweder haben wir diesbezüglich riesiges Glück gehabt oder es ist schlicht einfacher, in Musikerkreisen Kontakte zu knüpfen. Jedenfalls haben wir uns hier nie einsam gefühlt, auch wenn es natürlich schade ist, dass Familie und alte Freunde nicht mal eben um die Ecke wohnen.
Annika Baetge
Annika Baetge
Berufliche Weiterentwicklung ist ein wichtiger Bestandteil des schwedischen Arbeitslebens. Anfangs bestand mein Job hauptsächlich aus Klavierschülern, doch mit der Zeit wuchs mein Interesse an der Orchesterarbeit. Als Schülerin hatte ich während der Oberstufenzeit Klarinette als Zweitinstrument an der Heidenheimer Musikschule gespielt, was mir zugute kam, als ich mehr und mehr Verantwortung übernahm.

Mit Unterstützung meines Arbeitgebers nehme ich seit vier Jahren wöchentlich Klarinetten- und Saxophonunterricht und fahre zweibis dreimal pro Jahr auf Workshops für Dirigenten. Zuletzt war ich in den Herbstferien in Oslo auf einem dreitägigen Kurs für Orchesterleiter.

Privat gründete ich vor zwei Jahren mit obengenanntem Kollegen das Duo Clariano, ein Kammermusikduo Klarinette-Klavier, mit dem ich regelmäßig als Pianistin auf der Bühne stehe. Das nächste Projekt ist ein Konzert im März unter anderem mit Werken des Heidenheimer Komponisten Eric Mayr. Als mein ehemaliger Klavierlehrer sind er und seine Familie einer meiner wichtigsten Kontakte nach Heidenheim und es war nur natürlich, dass meine Freunde auch seine Freunde wurden – was unter anderem schon dazu führte, dass jener Kollege samt Familie seinen Urlaub bei Familie Mayr verbrachte.

Als Ausgleich zur Musik habe ich das Schwimmen entdeckt. Kacheln in der Schwimmhalle zu zählen, finde ich eher uninteressant, mich reizt vielmehr das Erlebnis, bei jedem Wetter in unseren See zu springen. Ja, bei jedem Wetter! Das resultierte im Februar 2017 in einer Reise nach Skellefteå nahe des Polarkreises, wo ich an den skandinavischen Meisterschaften im Winterschwimmen teilnahm. Wenn auf dem Fluss Skellefteälven ungefähr ein halber Meter Eis liegt, wird mit Kettensägen ein 25m-Becken ins Eis gesägt, Leitern und Bahnbegrenzungen ausgelegt und dann Wettkämpfe in verschiedenen Disziplinen und Altersklassen ausgetragen. Der älteste Teilnehmer war über 90 Jahre alt!

Überhaupt, der Winter in Schweden, ich mag ihn! Wir haben hier ca. 20 verschiedene Loipensysteme, von 300 m bis 30 km ist in allen Schwierigkeitsgraden etwas dabei. Wenn kein Schnee liegt, hofft man darauf, dass die Seen zufrieren. In Mittelschweden werden auf den Seen Spuren geräumt, damit man trotz Schneedecke eislaufen kann. Und wenn es bei wenigen Plusgeraden nieselregnet, geht man eben ins Kaltbadehaus am See, wo man sich nach dem Bad im See in der Sauna aufwärmen kann.

Und die Dunkelheit? Von Oktober bis März stellt man hier kleine Lämpchen in die Fenster, die man in der Weihnachtszeit gegen Fenstersterne und Lichterbögen austauscht. Am 13. Dezember feiert man Lucia, das Lichterfest. Für uns als Musiker sind November und Dezember die arbeitsreichsten Monate des Jahres, man hat wenig Zeit, sich an der Dunkelheit zu stören. Meistens liegt ab Januar Schnee, dann ist es ohnehin gleich viel heller. Und ab Ende März sind hier die Tage wieder länger als in Mitteleuropa...

Mein Mann und ich wünschen allen Heidenheimern ein frohes Weihnachtsfest – ganz besonders meiner Familie, den Lehrern an der Musikschule und den Jugendlichen, die an unserem Musikschulaustausch teilgenommen haben. Annika Baetge.

Wer mehr über uns und unser Leben in Schweden lesen möchte, darf gerne unseren Blog besuchen: www.brevlada.eu

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