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Träumen & Schlafen II Schneefall auf der Bettdecke

Museumsleiter Michael Happe zeigt ein Bett im Seldnerhaus neben dem Gänseteich. Die Kinder schliefen unter dem ungedämmten Dach.         Foto: Ufuk Arslan

Geschichte - Vor 200 Jahren betteten sich die Landbewohner schlecht, nahmen manchmal Gastschläfer auf. Das lag nicht nur an deren Armut, sondern auch an Unwissenheit.

Von Tobias Würth

Was für ein Albtraum. Mitten in der Nacht setzt Schneefall ein. Der Wind drückt den feinen Neuschnee durch die Ritzen der Dachziegel. Er fällt mitten auf die Bettdecke. Der Sohn des Bauern friert. Neben ihm schnarcht es gewaltig. Er teilt sich sein Bett im Dachstuhl mit zwei „Schlafgängern“. Das sind Mieter, die nur das Anrecht auf einen Platz in einem Bett kaufen. Sie müssen sich den Tag über verziehen.

„Im Seldnerhaus gab es keine Kinderzimmer“, berichtet Michael Happe. Der Leiter des Hohenloher Freilandmuseums kennt sich mit den Einrichtungen der Häuser aus. „Seldner waren Kleinbauern. Sie hatten so wenig Land, dass sie bei anderen Landwirten oder später in Betrieben Geld verdienen mussten.“ Lange Zeit war es üblich, dass die Kinder unter dem Dach schliefen. Happe zeigt auf ein Bett direkt unter den Ziegeln.

„Hier ist nichts gedämmt. Wenn es draußen 38 Grad hatte, waren es hier drin vielleicht sogar 50 Grad. Im Winter wiederum wurde es bitterkalt.“ Hatten die Bewohner kein Geld dafür, ein bisschen Dämmung zwischen die Sparren zu pressen? Happe vermutet, dass einfach kein Augenmerk auf die Schlafsituation gelegt wurde. „Ein älterer Museumsbesucher erzählte mir, dass er als Kind unter dem Dach schlafen musste. Er beklagte sich darüber, dass seine Eltern das Bett auf die kalte Nordseite gestellt hatten. Heute denkt man: Wie doof war das denn?“

Happes These deckt sich mit den Erkenntnissen aus einer Magisterarbeit von Andrea Nisalke, die sie im Jahr 1990 für die Uni Würzburg im Fach Volkskunde verfasste. Ohne Kleider zu schlafen, aus der Not heraus mit fremden Menschen im selben Bett und das an einem Standort im Haus, an dem eben etwas Platz war: Das war vor Jahrhunderten in Hohenlohe völlig normal. Im Hohenloher Tagblatt vom 1. November 1859 wird wegen des Eisenbahn-Baus Platz in Betten für „Schlafgänger mit und ohne Kostreichung“ gesucht.


"Nur 0,3 Prozent der Schulkinder hatten im Jahr 1905 ein eigenes Zimmer und nur 33 Prozent ein eigenes Bett."


Doch die Schlafgewohnheiten wandelten sich. Erst im höfischen Leben, dann in den bürgerlichen Schichten des Biedermeiers und erst ganz am Ende auch in den unteren Schichten und auf dem Land. „Besonders seit dem 17. und 18. Jahrhundert begann sich das Schlafverhalten mit der Verschiebung der Schamgrenzen zu verändern. Man brach langsam mit der Gewohnheit ab, dass fremde Personen zusammen in einem Bett schliefen. Doch diese Wandlung vollzog sich in den unteren Schichten erst viel später“, schreibt die Volkskundlerin, die alle Bettstätten des Freilandmuseums für ihre Arbeit untersucht hat.

Happe zeigt Beispiele, die diese These untermauern. So schläft das Kleinbauern-Ehepaar im Seldnerhaus bereits in einer eigenen Schlafkammer. Neben dem Doppelbett steht ein Kinderbett als Wiege. „Der Nachwuchs kam dort so lange unter, bis das nächste Kind auf die Welt kam“, vermutet Happe. Dann mussten die Kinder unters Dach ziehen, um für ihr neues Geschwisterkind Platz im Elternschlafzimmer zu machen.

Um wie viel besser hatten es da die reichen Bewohner des Bauernhauses aus Elzhausen (bei Braunsbach). Es steht direkt am Dorfplatz im Freilandmuseum Wackershofen. „In dieser Bettstatt gibt es Platz für mich und meinen Schatz“, steht über dem Kopfende in schwungvoller Schrift geschrieben. Mit Bauernmalerei reich verziert und mit trompetenden Engeln versehen, soll dieses Bett den Bewohnern die beste Erholung ermöglichen.

Das einzige Problem: Das Bett ist viel zu kurz. „Man saß früher mehr im Bett, als dass man lag“, berichtet Happe. „Der Volksglaube besagt: Wer völlig flach lag, ist mit einem Bein schon halb im Grab.“ Zudem bestand eine Zeit lang der Irrglaube, diese Position würde vor Krankheitserregern schützen. Anders als im Seldnerhaus verfügt der Hof des reichen Bauern über ein Kinderzimmer, in dem sich zwei Töchter ein Bett teilten. Immerhin stehen dort auch Truhen für die Wäsche und Schränke für die Kleidung.

In der Zeit der Aufklärung wurde – zumindest in Städten – mit dem Irrglauben Schluss gemacht, und nach und nach setzte sich eine liegende Schlafposition mit weniger Kissen im Rücken durch.

Die Kleinfamilie entstand in der Zeit des Biedermeiers. Zimmer erhielten genau definierte Funktionen. Und auch die „Schlafgänger“, also die Mieter von Bettstätten, wurden nicht mehr aufgenommen.

Allerdings gab es in Zeiten von hohem Bevölkerungswachstum in einer Stadt einen Rückschlag dieser Entwicklung.

Nur 0,3 Prozent der Berliner Schulkinder hatten im Jahr 1905 ein eigenes Zimmer. Und nur 33 Prozent ein eigenes Bett. Am häufigsten schlief man zu zweit in einem Bett in einem Zimmer mit drei bis sechs Kindern.

Die Hohenloher Ebene profitierte von den Verbesserungen der Schlafkultur erst spät. Ein Indiz dafür sind die vielen Bettflaschen, die in den Häusern des Freilandmuseums in Wackershofen zu finden sind. Sie deuten laut der Volkskundlerin darauf hin, dass die Schlafzimmer nicht beheizt waren und es daher angenehmer war, seine Notdurft im warmen Bett zu erledigen.

Wer heute langgestreckt im mollig warmen Federbett im lichtdurchfluteten Raum mit der Person seiner Wahl an seiner Seite aufwacht, kann sich glücklich schätzen.

Das ist weit besser, als unter Eiszapfen neben einem schnarchenden, verschwitzten Wanderarbeiter aufzuwachen und die ganze Nacht in halbaufrechter Position verbracht zu haben.

Kolumne

Kein Schlaf, keine süßen Träume

Hartmut Ruffer - Haller Tagblatt
Hartmut Ruffer - Haller Tagblatt
Texte in der Pop- und Rockmusik schwanken häufig zwischen heftigem Fremdschämen und bewundernder Zustimmung. Und wer denkt, dass es den meisten Möchtegernpoeten um Liebe – oder vielmehr um als Liebe verklausulierten Sex – geht, der irrt. Schlafen und Träume sind ebenso ein mehr als beliebtes Thema und zwar quer durch alle Musikgenres. „Dream a little dream of me“ dürfte jeder kennen. Dass das Lied bereits 1931 entstand und die Version von „The Mamas and the Papas“ nur eine von gefühlt 500 Coverversionen ist, wahrscheinlich nicht. Das ändert nichts daran, dass es ein gefühlvolles Lied ist. Wesentlich expliziter geht es beim One-Hit-Wonder „Sin with Sebastian“ zu. 1995 säuselte Sebastian Roth seine Anzüglichkeit „Shut up and sleep with me“ in einer Euro-Dance-Nummer so huldvoll, dass keine Fragen offen bleiben. Eurythmics hatten 1983 mit „Sweet Dreams (are made of this)“ einen Mega-Hit. Um schöne Träume geht es dabei nicht, sondern um das Aufarbeiten einer gescheiterten Beziehung. Angeblich ist das Lied an dem Tag entstanden, an dem sich Annie Lennox von Dave Stewart trennte. Die beiden bildeten Eurythmics und blieben zumindest auf Arbeitsebene zusammen. Marilyn Manson coverte das Lied 1995 und machte daraus eine fiese Rock-Nummer, die aber nicht minder erfolgreich war. Träume können manchmal auch zu Albträumen mutieren. Bleibt als Abschluss noch der Mann, der aufgrund seines Lebenswandels Schlaf wohl als überbewertet ansah: Ian Fraser Kilmister, weitaus besser bekannt als „Lemmy“ Kilmister, Gründer, Sänger und Bassist von Motörhead. Aufgrund seines exzessiven Amphetaminkonsums ist der Titel einer Livescheibe „No Sleep ’til Hammersmith“ durchaus wörtlich zu nehmen.

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