Sonderveröffentlichung

Leonhard Kern und Europa Filigrane Meisterwerke voller Glanz

Ausstellungen: Spannend und erhellend: Die Kunsthalle Würth und das Hällisch-Fränkische Museum in Schwäbisch Hall widmen sich dem Bildhauer Leonhard Kern (1588 – 1662).

Kerns „Christus und die beiden Schächer“ um 1625 in Hall entstandene Elfenbeinarbeit stammt aus der Geistlichen Schatzkammer des Kunsthistorischen Museums Wien.

6.06.2021

Wie mag er das nur wieder gemacht haben? Durch die Haut der filigranen Figuren aus Elfenbein zeichnen sich noch Adern ab, Zähne und Zehen sind exakt gearbeitet. Mit welch beeindruckender Präzision ist dieser Künstler damals im 17. Jahrhundert doch zu Werke gegangen. Und das bei einem so empfindlichem Material wie Elfenbein. Diese Gedanken werden sicherlich vielen Ausstellungsbesuchern durch den Kopf gehen, wenn sie nach Schwäbisch Hall kommen und die Kunstwerke dieses Meisters sehen. Sowohl in der Kunsthalle Würth als auch im Hällisch-Fränkischen Museum geht es in den nächsten Monaten um den bedeutenden Bildhauer Leon hard Kern. Am 2. Dezember 1588 wurde er in Forchtenberg geboren, am 4. April 1662 ist er etliche Kilometer kocheraufwärts in Schwäbisch Hall gestorben.

Mehr als 40 Jahre lebte er in Hall, wo er eine produktive und stilprägende Werkstatt unterhielt. Vom Kochertal aus belieferte er die fürstlichen Kunstkammern Europas – und mit großen Erfolg auch die kaiserliche Familie in Wien.



"Anatomisch umwerfend – und selbst hinter dem Ohr ist die Locke noch perfekt."

Fritz Fischer, Direktor Kaiserliche Schatzkammer


Habsburger waren Kern-Fans

Grund genug also, dem bedeutenden Bildhauer ein großes Ausstellungsprojekt zu widmen. Dafür kooperiert die Kunsthalle Würth auch mit dem Kunsthistorischen Museum Wien, wo es die meisten Werke Kerns gibt. Denn seit rund 130 Jahren werden dort die Kunstsammlungen der Habsburger bewahrt.

Diesseits und jenseits des Kochers sind nunmehr zwei spannende Ausstellungen entstanden: „Leonhard Kern und Europa. Die Kaiserliche Schatzkammer Wien im Dialog mit der Sammlung Würth“ heißt die Schau in der Kunsthalle Würth. Eine große Europakarte am Beginn des Rundgangs vermittelt einen Eindruck von Kerns Weltläufigkeit. „Er war der erste deutsche Künstler, der sich in Rom ausbilden ließ“, berichtet Fritz Fischer, Direktor der Kunstkammer und Schatzkammer des Kunsthistorischen Museums Wien. Kerns Weg führte sogar bis nach Nordafrika, bevor er über Venedig wieder in den Norden reiste. Kern kehrte als Kosmopolit in seine Heimat zurück. 1620 erhielt er das Haller Bürgerrecht. Jedenfalls: Dass seine Arbeiten „Beziehungen zur italienischen Skulptur und Malerei ausweist, ist immer wieder festgestellt worden“, schreibt Fischer auch im Ausstellungskatalog.

Bogen bis in die Gegenwart

Die Schau in der Kunsthalle Würth beschränkt sich aber nicht auf das Werk Kerns allein, sondern weitet den Blick zunächst auf seine Zeitgenossen – wie etwa Adam Lenckhardt oder Georg Petel – und schlägt zusätzlich einen weiten Bogen zur Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts in der Sammlung Würth. „Die zeitgenössische Kunst verbucht nicht nur Abschiede von, sondern immer wieder auch Rendezvous mit der Kunstgeschichte“, schreiben Sylvia Weber, Direktorin der Kunsthalle Wüth, und ihre Stellvertreterin Beate Elsen-Schwedler im gemeinsamen Vorwort zum Begleitband. So werden zuweilen Entwicklungen und Analogien, aber ebenso auch Kontraste und Differenzen sichtbar. Viele Gegenüberstellungen möchte das Team der Kunsthalle Würth aber auch einfach ganz spielerisch verstanden wissen.

In Kapiteln wie „Große Kunst im kleinen Format“, „Akte und Nackte: stehend – sitzend – liegend“ oder „Das Maß aller Dinge die Antike , der Laokoon“ geht es durch den Kernschen Kunstkosmos. Nebenbei fällt immer wieder ein Blick in die Gegenwart: zu Georg Baselitz’ „Schlafenden Knaben“, zu verschiedenen von Alfred Hrdlicka geschaffenen Torsi, auf Anselm Kiefers mit Stacheldraht gearbeitete „Frauen der Antike“ oder auf einen in strengen Flächen und Schatten gemalten Raum von Ben Willikens.

Wer die filigranen Skulpturen Kerns betrachtet, kann sich die Faszination der Habsburger für die Werke des Haller Bildhauers gut vorstellen. Er erzählt die Geschichten des Dargestellten über die Körpersprache – wie etwa bei der eindrucksvollen Kreuzigungsgruppe, Christus und die beiden Schächer, aus Elfenbein: „Anatomisch umwerfend – und selbst hinter dem Ohr ist die Locke noch perfekt“, sagt Fischer.

Kerns Figuren sind im Gegensatz zu Arbeiten seiner Kollegen oftmals vieldeutig – eine Stärke: „Obwohl er Protestant war, schaffte er es, seine Sachen an katholische Herrscher zu verkaufen“, so Fischer. In den Habsburger Inventaren ist der geschäftstüchtige Kern, wie die Ausstellung zeigt, jedenfalls bereits seit der Barockzeit nachweisbar. Zu den Glanzpunkten der Schau gehört auch die rund 80 Jahre verschollen geglaubte Laokoon- Gruppe. Sie ist eine der wenigen signierten Arbeiten Kerns und zeigt den Kampf des Apollon- Priesters und seiner beiden Söhne gegen zwei Schlangen. Die Elfenbein-Figur fand erst vor Kurzem Eingang in die Sammlung Würth. Sie hat keine eindeutige Vorder- oder Rückseite und ist aus jeder Perspektive reizvoll – zart und imposant zugleich. Bettina Lober

Sinnbild für die Kriegsgräuel aus Alabaster

„Jammer und Not, Hunger und Tod. Leonhard Kern und der Dreißigjährige Krieg“ heißt die Ausstellung im Hällisch-Fränkischen Museum (HFM). Der Titel zitiert die Worte eines Schuhmachers, der die Folgen des Krieges für die Bevölkerung beschreibt. Im HFM stehen jene Skulpturen Kerns im Zentrum, die im Kontext mit den Kriegsereignissen zu deuten sind. Ein besonders eindrucksvolles Stück dazu kommt aus Wien: Die Alabasterarbeit zeigt, wie ein Offizier eine nackte junge Frau ersticht – ein Sinnbild für die Gräuel des Krieges. Auch Werke wie die Bronzefigur „Geldzähler“, die aus Elfenbein geschnitzt „Menschenfresserin“ oder die „Drei klagenden Frauen“ deuten auf Not, Hunger und Schrecken. Zugleich sind die filigranen Arbeiten aber auch von erschütternder Schönheit.

Mit weiteren Exponaten gibt das HFM zudem Einblicke in Kerns Umfeld und in das damals von Krieg bedrohte Hall: historische Möbel, Stadt-Ansichten, und zum ersten Mal ist dort auch das Richtschwert von Schwäbisch Hall aus den 1620er-Jahren zu sehen. Die Bevölkerung litt unter Missernten, Hungersnöten, Gewalt, Truppendurchzügen und eingeschleppten Seuchen. Davon zeugt beispielsweise ein historischer Quarantäne-Aushang. blo