Sonderveröffentlichung

Ortsporträt Gailenkirchen „Loch in der Kasse“

Freilandmuseum: 40 Prozent weniger Besucher als sonst verzeichnet Leiter Michael Happe für das Jahr 2020. Corona macht dem Betrieb zu schaffen.

Der große Graben heißt der Titel eines Asterix-Hefts in dem sich ein Graben im Dorf der Gallier auftut. Der Grund für die Baggerarbeiten in Wackershofen sind allerdings nicht so dramatisch wie im Asterix-Comicheft. Der Aufbau des Nahwärmenetzes in Wackershofen ist ein Meilenstein für den Klimaschutz im Kleinen in Schwäbisch Hall, schreibt die Stadtverwaltung. Der Ort wird an die Holzschnitzelanlage beim Freilandmuseum angeschlossen. Im gleichen Zug werden Kanäle erneuert. Foto: Ufuk Arslan  

9.11.2020

Museumsleiter Michael Happe spricht im Interview über fehlende Einnahmen und die kommende Saison im Freilandmuseum Wackershofen.

Warum musste die Saison eine Woche früher als geplant beendet werden?

Michael Happe: Die Beschlüsse der Bund-Länder-Konferenz vom 28. Oktober haben pauschal Kultur- und Freizeiteinrichtungen als vorerst während des Monats November zu schließende Institutionen definiert. Museen sind in den ersten Verlautbarungen – wie so oft – vergessen worden. Mit Theatern, Opernhäusern und Konzerthallen sind drei sehr ähnlich strukturierte Institutionen explizit benannt worden, Museen tauchten nicht auf. Erst 24 Stunden später hat ein Beschluss der Ministerpräsidenten Klarheit geschaffen, demnach sind alle Museen bundesweit betroffen.
      

Aber bei Ihnen ist doch vieles im Freien?

In allen bisherigen Beschlüssen im Zusammenhang mit Corona wurde nicht zwischen den Museumsgattungen differenziert. Dass in Freilichtmuseen vieles im Freien passiert, ist richtig. Die wichtigsten Ausstellungsstücke sind aber die originalgetreu ausgestatteten historischen Gebäude, sie vermitteln Einblicke in die Lebensverhältnisse der Menschen früherer Jahrhunderte. Diese Häuser sind zum Teil klein und eng, das Einhalten der Abstandsregeln haben wir dennoch über Hunderte von Hinweisschildern im ganzen Gelände eingefordert, Desinfektionsspender sind an vielen Stellen aufgestellt, Bodenmarkierungen und Richtungsregeln gelten, ebenso eine Maskenpflicht in den Gebäuden und im Eingangsbereich.

Wie fällt Ihre Bilanz der Saison aus: Besucherzahlen, Einnahmen?

Wir müssen die Saison mit lediglich 40 Prozent der ansonsten zu erwarten gewesenen Besucherzahl beschließen. Als eine in hohem Maß von eigenen Einnahmen abhängige Einrichtung bedeuten die damit verbundenen Einnahmeausfälle über ausgebliebene Eintrittsgelder und Verkaufserlöse eine bedrohliche Situation mit einem erheblichen Defizit.

Gibt es Sondereinnahmen durch Ausgleichszahlungen oder Spenden?

Wir haben eine bisher nicht gekannte Welle der Solidarität und Unterstützung erfahren. Sehr viele Menschen aus der Region haben sich entschlossen, uns durch eine Mitgliedschaft im Trägerverein zu unterstützen. Das Spendenaufkommen ist um ein Vielfaches höher als in „normalen“ Jahren. Dafür sind wir sehr dankbar, zeigen diese Reaktionen doch die Verbundenheit der Menschen mit „ihrem“ Freilandmuseum. So hilfreich Spenden und Unterstützungen sind, sie können das Defizit nur zu einem kleinen Teil ausgleichen.

Gab es sonstige Hilfen?

Es hat auch eine Reihe von Hilfsprogrammen des Bundes und des Landes gegeben, von denen wir profitieren konnten. So willkommen diese Hilfen waren, sie hatten bisher alle den Nachteil, dass aus diesen Programmen ausschließlich zusätzliche Projekte bezahlt werden konnten, nicht aber das Defizit im laufenden Betrieb durch die entgangenen Einnahmen ausgeglichen werden durfte. Da aber drückt der Schuh am meisten …

Viele Feste mussten ausfallen und alle Programmpunkte bis Ende des Jahres: Was hat das für Auswirkungen?

Wir haben versucht, anstelle der großen und sehr großen Veranstaltungen kleinere, dezentrale Formate zu realisieren. Durch räumliche und zeitliche Entflechtungen ist es beispielsweise gelungen, Aktionstage mit Drehorgelspielern, zum Gedenken an das Kriegsende vor 75 Jahren oder mit der Präsentation historischer Landmaschinen anzubieten, die gut besucht waren, bei denen aber nie mehr als 500 Personen gleichzeitig anwesend waren. Wir haben mit dem „Art-connectit-Festival“ auch Neuland begehen können, dank der Förderung aus dem Hilfsprogramm des Landes „Kunst trotz Abstand“. Wir haben damit bewusst auch andere Zielgruppen ansprechen wollen, als die ohnehin dem Freilandmuseum verbundenen, die Rückmeldungen haben uns den Erfolg bestätigt. Finanziell bedeutet der Ausfall der großen Veranstaltungen ein beträchtliches Loch in der Kasse, allein die Einnahmen beim Backofenfest bilden eine wichtige Position in unserem Wirtschaftsplan.

Michael Happe, Leiter des Freilandmuseums Wackershofen Foto: Archiv
Michael Happe, Leiter des Freilandmuseums Wackershofen Foto: Archiv

Muss auf Renovierungen und Ähnliches verzichtet werden? Was wird über den Winter erneuert?

Dank einer Sonderförderung durch das Land konnten wir die dringend notwendige Sanierung des 1892 erbauten Bahnhofs aus Kupferzell sowie kleinere Instandsetzungsmaßnahmen durchführen. Kleinere Reparaturen innerhalb der historischen Gebäude und Ausstellungen werden über den Winter durch eigenes Personal erledigt. Ebenso die Fertigstellung begonnener Projekte wie den Aufbau einer Ausstellung im MAN-Fertighaus von 1952, dessen Eröffnung coronabedingt nicht wie geplant im Frühjahr 2020 stattfinden konnte, sondern frühestens Mitte 2021 sein wird. Auch die Überarbeitung der Präsentation im Armenhaus aus Hößlinsülz wird fortgeführt. Parallel dazu finden Forschungs- und Konzeptionsarbeiten statt, zunächst aber müssen alle Gebäude im Inneren, teilweise auch außen, winterfest gemacht werden.

Was erwartet die Museumsbesucher im nächsten Jahr? Planen Sie mit verschiedenen Corona-Szenarien?

Natürlich müssen wir den Fall einkalkulieren, dass uns die Pandemie weiter begleiten wird. Wir planen daher kleinformatige Aktionstage, die uns im Fall der Genehmigung einer Öffnung zum 15. März die Möglichkeit geben, den Besucherinnen und Besuchern etwas zu bieten, ohne die AHA-Vorgaben zu verletzen. Sollte die Medizin aber einen Sprung machen und das Virus seinen Schrecken verlieren, werden wir alles in Bewegung setzen, um die bekannten größeren Veranstaltungen so weit möglich durchzuführen. Viele unserer Veranstaltungsteilnehmer befinden sich in einer ähnlich ungewissen Warteposition, sind aber, das ist meine feste Überzeugung, flexibel genug, um auch kurzfristig mit uns etwas auf die Beine zu stellen. Von Tobias Würth