Sonderveröffentlichung

Ortsporträt Gailenkirchen „Menschen setzen auf Regionalität“

Engagement: Rainer Biedermann lebt seit 1972 in Gailenkirchen. Er ist in vielen Vereinen aktiv, kümmert sich mit um den Dorfladen und hat ein Autohaus aufgebaut. Er wünscht sich mehr junge Familien für den Ort.

Rainer Biedermann ist Vorsitzender des Dorfladens in Gailenkirchen. Aufgewachsen ist er in Gschlachtenbretzingen und wegen seiner Frau in den Haller Teilort gezogen. Vor vier Jahren hat er das gleichnamige Autohaus an seinen Sohn übergeben. Foto: Ufuk Arslan  

9.11.2020

Im Autohaus merken wir wenig von Umsatzrückgängen aufgrund von Corona“, sagt Rainer Biedermann vom gleichnamigen Autohaus im Schwäbisch Haller Teilort Gailenkirchen. Das sei auch im Frühjahr schon so gewesen. „Wir leben eher vom Service als vom Verkauf und Vertrieb von Autos“, erklärt der Obermeister der Kfz-Innung. Aber generell gebe es bei den Verkäufen einen Rückgang zwischen 30 und 40 Prozent.

Der 69-Jährige ist in Gschlachtenbretzingen aufgewachsen, lebt seit 1972 in Gailenkirchen und hat dort das Autohaus aufgebaut, das der Vizepräsident Handwerk des baden-württembergischen Kfz-Verbands vor vier Jahren an seinen Sohn übergeben hat. Nun sei er im „Unruhestand“, wie er sagt. Er ist aber auch in einigen Vereinen aktiv, wie beim SV Gailenkirchen-Gottwollshausen, im Albverein und er engagiert sich für den Dorfladen im Ort. Seit 2018 ist er Aufsichtsratsvorsitzender der Genossenschaft „Unser Dorfladen Gottwollshausen-Gailenkirchen“.
    

Spielbetrieb eingestellt

„Keine schöne Sache“ sei es, dass aufgrund der steigenden Corona-Zahlen und des neuerlichen Lockdowns der Spielbetrieb beim Fußballverein eingestellt werden musste. „Wir sind mitten in der Runde drinnen gewesen“, erklärt Vorsitzender Biedermann. Das Vereinsheim und auch der Trainingsplatz wurden geschlossen. Es gibt auch keine Kurse wie Pilates oder Tanzen, da die Turnhalle ebenfalls zu ist. „Wenn man die Zahlen verfolgt hat, war das vorherzusehen.“

Anders sieht es da im Dorfladen aus. Bereits im Frühjahr haben die Betreiber des genossenschaftlichen Dorfladens gemerkt, dass mehr Menschen dort einkaufen gehen, der Umsatz habe sich erhöht. „Die Menschen setzen mehr auf Regionalität“, erzählt Biedermann. In dem Laden können sie aber kein Vollsortiment anbieten, sondern nur Dinge für die Grundversorgung mit Nahrungsmitteln und mit Artikeln des täglichen Bedarfs. Frische Backwaren, Obst und Gemüse sowie Molkereiprodukte sind zu finden. Vereinzelt gebe es Kunden, die davon ausgehen, dass es in dem Dorfladen alles zu kaufen gibt. Seit 2007 besteht dieser im Haller Teilort, seit 2005 gibt es einen in Gottwollshausen. Biedermann merkt an, dass vor allem ältere Menschen dort einkaufen gehen.

In der Einwohnerstruktur sieht der ehemalige Ortschaftsrat auch Entwicklungspotenzial. Es brauche mehr Baugebiete, damit sich Familien dort ansiedeln können. Über die Jahre hat sich der Ort verändert. Wo es früher drei Wirtschaften gab, ist es mittlerweile nur noch eine. Er bedauert auch, dass die Bankfiliale geschlossen hat. „Das ist ein großes Übel für ältere Menschen“, sagt er. Als Gründe dafür nennt er, dass sich die Filiale nicht mehr rentiert habe und die Frequenz zu niedrig war. „Man muss aber auch an die Älteren denken“, die ihre Bankgeschäfte selten online abwickeln.

Früher gab es in Gailenkirchen auch noch einen Schreiner und einen Laden, der altersbedingt aufgegeben wurde. Die Konkurrenz für solche Läden sei für Biedermann vor allem durch die diversen Discounter in der Umgebung groß. „Die Jungen setzen sich lieber ins Auto und fahren zum Discounter nach Untermünkheim einkaufen“, erklärt er. Auch wenn sie mittlerweile im Dorfladen eine gute Stammkundschaft haben, könnten es noch mehr sein.


"Die Jungen setzen sich lieber ins Auto und fahren zum Discounter einkaufen."

Rainer Biedermann - Aufsichtsratsvorsitzender Dorfladen


Vorwiegend älter

Die älteren Menschen seien in Gailenkirchen in der Mehrheit. „Früher haben junge Familien hier gebaut. Mittlerweile ist die Bevölkerung vorwiegend älter.“ Aus diesem Grund benötigt es neue Baugebiete, damit wieder junge Familien kommen und sich hier ansiedeln. Diese brauche es auch, damit der Kindergarten und die Grundschule erhalten werden können. „Durch die Nähe bringen die Eltern ihre Kinder oftmals mit dem Fahrrad oder zu Fuß in die Schule“, erzählt er, der diese regelmäßig am Autohaus vorbeilaufen sieht. „Gailenkirchen ist attraktiv. Es gibt eine gute Anbindung nach Hall, seit der Westumgehung ist die Wohnlage ruhig und es liegt unterhalb der Waldenburger Berge.“ Von Besuchern höre er öfter: „Mensch, lebt ihr hier herrlich.“ Von Kerstin Vlcek  
      

Zahlen, Daten, Fakten

„Schweinefleisch mitsamt der Haut ess ich gerner als das Kraut“, steht auf der Hauswand.  FOTO: UFUK ARSLAN
„Schweinefleisch mitsamt der Haut ess ich gerner als das Kraut“, steht auf der Hauswand. FOTO: UFUK ARSLAN

1266 erstmals erwähnt

• Einwohner: 2324 (Stand Juni 2020); Ortskern: 416; Ortserweiterung: 735; Wackershofen: 141; Sülz: 37; Gottwollshausen Ortskern: 101; Schleifbach: 246; Riegeläcker: 648
• Gesamtfläche: 13 627 223 Quadratmeter (Verkleinerung von rund 45 000 Quadratmeter durch Flurbereinigungsverfahren 1995, das 2017 in das Liegenschaftskataster übernommen wurde); Ortsteile: Zum ehemaligen Gesamtort Gailenkirchen gehören die Ortsteile Gottwollshausen, Wackershofen, Sülz und Neuhofen.
• Grundschule: Gailenkirchen-Gottwollshausen; Kindergärten: Gailenkirchen-Gottwollshausen (Kinder- und Familienzentrum Breit-Eich und Außenstelle Elisabethenstraße)
• Kirchen: St. Maria in Gailenkirchen, St. Georg (beide evangelisch) in Gottwollshausen. St. Elisabeth (katholisch) in Gottwollshausen.
• Geschichte: Erstmals erwähnt wurde der Ort Gailenkirchen 1266 im Zusammenhang mit einer Stiftung an das Kloster Gnadental. Durch die Auflösung des Klosters 1556 kamen diese Anteile an die Grafen von Hohenlohe, später an die Linie Hohenlohe-Waldenburg. Die Hohe Obrigkeit beanspruchte die Reichsstadt Hall, die im 15./16. Jahrhundert umfangreiche Besitzungen in Gailenkirchen erworben hatte. Im Teilort Gottwollshausen teilte sich der Haller Rat die Herrschaftsrechte mit dem Johanniterorden, in Wackershofen mit Hohenlohe und Comburg. Ein Zweig der Haller Stadtadelsfamilie Egen benannte sich seit 1296 „von Gailenkirchen“. Während des Bauernkriegs 1525 trieb ein Haller Aufgebot in der Nähe des Teilorts Gottwollshausen ein Bauernheer in einem unblutigen Gefecht auseinander.