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Ein starkes Stück Ein starkes Stück

Serie: Bei der Stadt Schwäbisch Hall kann man sich kostenlos ein Elektro-Lastenrad ausleihen. Der „Kocher-Muli“ hat ganz schön viel Kraft. Es macht Spaß, ihn zu fahren. Ein Selbsttest.

Fünf Kästen Saft packt Redakteurin Monika Everling auf die Ladefläche des Kocher-Mulis. Trotzdem fährt sich das Lastenrad angenehm. Foto: Ufuk Arslan

27.03.2020

Beim ersten Mal Anfahren fühlt es sich kippelig an. Der Kocher- Muli ist lang, das gelenkte Rad ist weit weg vom Fahrer und das Gefährt ist vorne schwer. Das alles ist ungewohnt. Also eiere ich los. Das ist problematisch, weil man das Lastenrad, das man sich kostenlos bei der Stadt Schwäbisch Hall ausleihen kann, bei der Tourist-Information abholt und am Haller Hafenmarkt kein Platz ist für ungelenke Fahrversuche.

Das Ausleihen selbst hat prima geklappt: Ich hatte das Rad ein paar Tage vorher telefonisch reserviert, musste nur einen schlichten Zettel ausfüllen, den Personalausweis zeigen und 20 Euro Pfand hinterlegen. Leihgebühr gibt es keine. „Mein – dein – unser. Ausleihen – losfahren“, steht auf dem Rad, das den Bürgern helfen soll, umweltfreundlich ohne Auto Einkäufe und andere Dinge zu transportieren. Ich erhalte eine kurze Einführung in die Bedienelemente und kann starten.

Wie komme ich jetzt mit dem schweren Gefährt aus dem Kochertal raus auf die Hohenloher Ebene? Muss ich eine Strecke mit flacher Steigung aussuchen? Das frage ich mich, obwohl oder gerade weil ich eine erfahrene und begeisterte E-Bike-Fahrerin bin. Denn ich weiß, dass die Elektromotoren auch mal an ihre Grenzen stoßen können. Doch diese Bedenken sind schnell zerstreut: Gleich die ersten Pedalumdrehungen zeigen, dass das Kocher-Muli ein ganz schön starkes Tier ist. Die Steigung über den Marktplatz zum Holzmarkt schafft es mühelos. Und wenn es erst mal in Gang gesetzt wurde, ist es alles andere als ein störrischer Esel. Es fährt sich sehr stabil.


Wenn das Kocher-Muli erst einmal in Gang gesetzt wurde, ist es alles andere als ein störrischer Esel.


Die Schaltung funktioniert ohne jedes Ruckeln, die Bremsen sind laut, aber sie tun ihren Dienst. Gegenüber meinem Alltagsrad hat das lange Gefährt einen großen Vorteil: Es wird von Auto- und Lkw-Fahrern als Fahrzeug wahrgenommen, ich werde nicht so oft bedrängt und angehupt.

Also radle ich erst mal nach Hause, mache unterwegs ein paar „Fingerübungen“ im Wendekreis einer Sackgasse. Dann wird beladen. Sechs leere Saftkästen kriege ich in der Lastenkiste unter: Vier passen in den Kasten, und zwei stelle ich oben drauf und sichere sie mit Spanngurten. Aber kann ich mit ebensovielen vollen Flaschen auch noch sicher fahren? Und wie viel Gewicht verträgt das Muli überhaupt? Darüber gibt ein Aufkleber im Lastenkasten Auskunft: Die maximale Zuladung beträgt 100 Kilogramm. Also ist das kein Problem für mich: Das bekomme ich mit Saft nicht zusammen. Ich entscheide mich, erst mal fünf Kästen mitzunehmen.

Beim Anfahren fühlt es sich jetzt noch kippeliger an. Gut, dass auf dem Parkplatz des Getränkemarktes Platz ist. Aber auch jetzt gilt: Sobald das Rad in Bewegung ist, ist es leicht zu handhaben, auch in Kurven. Es macht großen Spaß, damit zu fahren. Und ich kann die Eltern sehr gut verstehen, die ihre Kinder in solchen Lastenrädern mitnehmen: Die Ladefläche ist mit Gurten für zwei Kinder ausgestattet, Kissen machen es den Kleinen bequem. Als Fahrer hat man die Kinder im Blick, und diese sehen nicht nur den Rücken von Papa oder Mama, sondern können in die Landschaft gucken. Das geht mir durch den Kopf, während ich die Saftkisten über eine schöne Strecke auf Feldwegen nach Hause bringe.

Danach mache ich eine weitere Einkaufsfahrt. Mit leerer Ladefläche traue ich mich auch, steil abwärts zu fahren – allerdings deutlich defensiver als sonst: Das schwere Muli hat natürlich einen viel längeren Bremsweg als mein Alltagsrad. Und das Handling wird ein bisschen knifflig, wenn auf einem schmalen Radweg jemand entgegenkommt.

Als alle Besorgungen erledigt sind, bringe ich das Lastenrad zurück zur Haller Tourist-Information. Die drei Stunden mit dem Kocher-Muli waren ein schönes Erlebnis. Der Motor ist so stark, dass man sich als Fahrer auch stark fühlt. Ich will das Fahrzeug gerne in Zukunft wieder ausleihen.

Ich steige auf mein eigenes Rad – und glaub’s nicht: Beim Anfahren fühlt es sich kippelig an! Es ist so kurz, das gelenkte Rad ist so nah am Fahrer und das stabilisierende Gewicht fehlt … Von Monika Everling 

Reservieren, ausleihen, losfahren

Das Kocher-Muli gehört zu den Klimaschutzmaßnahmen der Stadt Schwäbisch Hall. Das kostenlose Angebot wurde in Kooperation mit dem ADFC geschaffen.

Das Elektro-Lastenrad kann von allen Bürgern, die mindestens 18 Jahre alt sind, für einen Tag oder über das Wochenende ausgeliehen werden. Es besteht Helmpflicht für den Fahrer und auch für mitfahrende Kinder. Reservieren kann man das Lastenrad unter Telefon 07 91 / 7 51-6 00.

Auf Safari in der Stadt

KolumneSarah Tolitsch, Haller Tagblatt
Kolumne
Sarah Tolitsch, Haller Tagblatt

Unsere Umwelt ganz neu kennenzulernen ist eine der Tugenden, die wir gerade aus der Not namens Corona- Pandemie machen können. Da lässt sich beim sogenannten Aufenthalt im öffentlichen Raum zum Beispiel entdecken, dass der Baum zwischen Wohnung und Bäcker scheinbar von einem Tag auf den nächsten in voller Blüte steht. Oder dass zurzeit gefühlt auch weniger Tiere in der Stadt unterwegs sind. Oder dass manche Leute offensichtlich ziemlich optimistisch sind, wenn es darum geht, bei diesen Temperaturen draußen Wäsche trocknen zu lassen. Das mag für Erwachsene bemerkenswert sein.

Kinder interessieren sich wohl eher weniger für Wäscheleinen und dergleichen. Es ist nicht gerade leicht für sie, wenn sie ihre Freunde nicht treffen können und Spielplätze geschlossen sind. In England wird deshalb in Anlehnung an ein beliebtes Kinderbuch dazu aufgerufen, Stofftiere an die Fenster zu stellen. So kann der Nachwuchs bei Spaziergängen mit den Eltern mitten in der Stadt oder im Ort auf Safari gehen: Wer die meisten Fensterbewohner entdeckt, gewinnt. Anderswo haben Menschen Ähnliches im Sinn. Sie schlagen vor, Bilder von Regenbogen an die Scheibe zu kleben – gleich neben Dankesbotschaften an Nachbarschaftshelfer und alle, die nicht zu Hause bleiben können, weil sie irgendwo den Laden mit am Laufen halten.

Ich gehe jetzt ein Stofftier an mein Fenster stellen.
   

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