Sonderveröffentlichung

Ortsportrait Hessental Eine Wissenschaft für sich

Recycling: Von gängigen Gebrauchsgegenständen bis zum gruseligen Kuriosum: Markus Frey vom Entsorgungszentrum Hasenbühl weiß, was die Landkreisbewohner alles loswerden wollen.

Markus Frey kümmert sich im Entsorgungszentrum Hasenbühl seit zwölf Jahren darum, dass die Bewohner des Landkreises Schwäbisch Hall ihrem Sperrmüll und anderen Abfällen ganz entspannt Lebewohl sagen können. Fotos: Beatrice Schnelle

4.09.2020

Es ist still an diesem Dienstagmorgen auf dem Gelände im Hasenbühl. Heute hat die Anlage geschlossen. Die Sonne strahlt, die Vögel zwitschern, es duftet nach Sommer. Geradezu idyllisch präsentiert sich die 7500 Quadratmeter große, tadellos aufgeräumte Fläche zwischen Wald und Wiesen am Rande von Hessental.

Rund 200 000 Menschen leben im Einzugsgebiet des größten Entsorgungszentrums im Landkreis Hall. Bis zu 120 Kunden zählt Markus Frey an Spitzentagen. Gemeinsam mit drei Kollegen sorgt der Teamkoordinator dafür, dass sich all die Bilder, die man gemeinhin mit dem Begriff „Müll“ verbindet, in seinem Wirkungsbereich in Wohlgefallen auflösen und der Bewunderung für die typisch schwäbische Ordnungsliebe Platz machen.

Dinge, die nach Müll aussehen und riechen, gibt es auf der 1992 eröffneten Anlage aber ohnehin kaum zu sehen. Es sind vor allem Wertstoffe, die hier landen, also Gegenstände, deren Bestandteile einem neuen, sinnvollen Dasein zugeführt werden können. Der Mammutanteil: „Elektroschrott jeder Art, Größe, Farbe und Form“, sagt Frey. Etwa 30 Kubikmeter dieses Materials kämen pro Woche zusammen und würden durch Recyclingunternehmen abgeholt.

Die letzten Röhrenfernseher werden hier neben den ersten Flachbildschirmen zu Grabe getragen. Besonders gern nicht mehr genommen sind Heerscharen von Handstaubsauger, Berge von Föhnen und erstaunliche Mengen elektrischer Zahnbürsten. Eine von letzteren nestelt der erfahrene Experte zwischen einem dahingeschiedenen Akkuschrauber, einem auf ewig verstummten Kofferradio und einer verstoßenen Dunstabzugshaube aus ihrem Container. Die gehöre da nicht rein. Warum nicht? Weil sie einen fest verbauten Akku habe, den er und seine Mitarbeiter nicht entfernen dürften. Das sei Aufgabe der Recyclingunternehmer. Auch über Mangel an „Holz“, wie Frey alles zusammenfasst, was zum Thema Möbel, Türen, Zäune und Co gehört, kann er nicht klagen. Wobei Holz selbstverständlich keineswegs gleich Holz und unterschiedlich abzulegen sei.

Die Vorschriften zur Wertstofftrennung, so wird beim Rundgang übers Gelände klar, ist eine Wissenschaft für sich. Die Stammkunden des Entsorgungszentrums haben sie offenbar erfolgreich verinnerlicht: „Die wissen, ähnlich wie in ihrem Supermarkt, ganz genau, wo was ist“, lobt Frey. Neulinge ließen sich gerne helfen. Überhaupt seien die meisten Leute bemüht, ihre Mitbringsel ordnungsgemäß zu verteilen. Nur hin und wieder gebe es „Spezialisten“, die hinter dem Rücken des Personals alles in einem Haufen irgendwo dazu packen wollten, weil sie keine Lust aufs langwierige Sortieren hätten. Für sie kennt der ansonsten gutmütige Mann keine Pardon: „Meistens erwischen wir sie und dann müssen sie es richtig machen oder alles wieder mitnehmen.“ Er versuche den meist wenig reuigen Sündern stets zu vermitteln, wieviel Arbeit ihr Verhalten den Mitarbeitern aufhalse, und dass es letztlich ihre Steuergelder seien, von denen die Kosten für die Entsorgungszentren bestritten würden. Exakt 490 887,73 Euro standen laut Auskunft des Landratsamts nach Abzug der Gebühreneinnahmen beim Jahresabschluss 2018 auf der Ausgabenrechnung für die beiden Entsorgungszentren Hasenbühl und Blaufelden. Der 2800 Quadratmeter große und rund 367 000 Euro teure Häckselplatz im Hasenbühl wurde im September 2019 in Betrieb genommen.

„… und noch ein paar Sachen“ steht neben einem Smiley auf einer der vielen selbst gebrannten CDs
„… und noch ein paar Sachen“ steht neben einem Smiley auf einer der vielen selbst gebrannten CDs

Den Geldbeutel seiner Kunden versucht der freundliche Herr Frey trotzdem nach Kräften zu schonen. Wenn jemand etwa mit einer einzelnen Matratze daherkommt, wird er aufgeklärt, dass es sich lohnt, das Auto oder den Hänger vor der Fahrt zum Wertstoffhof bis zum Rand vollzupacken. Denn für die zehn Euro Grundgebühr, die für das Einzelteil fällig werden, könnte man sich bis zu 40 Kilogramm Sperrmüll vom Hals schaffen. Je zusätzlicher vier Kilo kommt nur ein Euro obendrauf.

Zwölf Entsorgerfirmen, fast alle aus der Region, holen täglich Container ab. Fast alles, was auf dem Wertstoffhof abgeliefert wird, findet Interessenten, die noch etwas damit anfangen können. „Es ist ein Geben und Nehmen,“ lacht Frey. Die Mitarbeiter des Sonnenhofs verwenden zum Beispiel Kerzenreste als Bastelmaterial. Alte Fahrräder werden von einer regionalen Werkstatt abgeholt. Ein anderer Abnehmer weiß den hochwertigen Kunststoff Polycarbonat zu schätzen, aus dem CDs gefertigt sind. Auf die Wiederverwertung von altem Speisefett hat sich ein Unternehmen aus Bayern spezialisiert.

Ein rundes Dutzend Dienstjahre auf dem Wertstoffhof Hasenbühl hat Frey hinter sich gebracht. Welches war der seltsamste Gegenstand, der in dieser Zeit abgeliefert wurde? Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Ein Sarg.“ Das hätten er und seine Mitarbeiter nie vergessen. Das Stück sei immerhin keine Gebrauchtware gewesen Von Beatrice Schnelle