Sonderveröffentlichung

175 Jahre TSV Crailsheim Weit mehr als ein Jubiläum

Die Geschichte des größten Sportvereins im Landkreis ist auch ein Spiegelbild des gesellschaftlichen Wandels.

Historisch: Die Musterriege beim Turnen auf dem Volksfestplatz im Jahr 1920. Foto: Stadtarchiv Crailsheim  

18.01.2021

Es nicht einfach nur ein Jubiläum: 175 Jahre TSV Crailsheim sind auch 175 Jahre Stadt- und Gesellschaftsgeschichte. Die Historie des Vereines belegt eindrucksvoll, dass der Sport immer auch ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Gegebenheiten war. Ganz besonders auch in den Gründerjahren.

Die Anfänge des heutigen TSV Crailsheim führen in die Kaiserzeit zurück. Der Verein ist älter als das Deutsche Reich unter preußischer Führung und älter als der Deutsche Turnerbund (1848). Als sein Vorläufer 1846 gegründet wird, hat der Adel noch das Sagen. Fürsten und Könige bestimmen noch über das wohl ihrer Untertanen. Crailsheim gehörte seit gerade einmal drei Jahrzehnten zu Württemberg.

Die Freude an „der Körperertüchtigung“ war Ausdruck eines wachsenden Selbstbewusstseins des aufstrebenden Bürgertums, allen voran Kaufleute und Handwerker. Dass sich in Crailsheim schon früh eine „Turngesellschaft“ etablierte, hat eben auch damit zu tun, dass die Stadt zuvor zu Preußen gehörte. Dort hatte „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn im Jahre 1811 auf der „Hasenheide“ in Berlin den ersten Turnplatz eingerichtet. Es ist die Geburtsstunde der öffentlich betriebenen Leibesübungen.

TSV Crailsheim

Die einsetzende Turnbewegung orientierte sich an den aufgeklärten Ideen der damaligen Zeit: Liberalismus und bürgerlicher Nationalismus. Das Jahn’sche Turnen war auch immer politisch motiviert. Ziel war „die Belebung des Gemeingeistes“ und „des Bürgersinnes“. Eine „national angelehnte Erziehung“ sollte „mündige Staatsbürger“ heranbilden. Bereits 1818 gab es in Deutschland etwa 150 „Turnanstalten“, wie die Vereine damals als freie Gemeinschaften hießen, die unter anderem die Abschaffung „jedweder Unterdrückung“ forderten. Die starke gemeinschaftsorientierte Bindung der Turner galt zudem als Vorbild für eine Überwindung der Kleinstaaterei.

Das war der Obrigkeit dann doch zu viel. Mit den ,,Karlsbader Beschlüssen“ wurde im Jahr 1820 durch die Behörden eine Turnsperre gegen die Turnanstalten verhängt. Die polizeistaatlichen Maßnahmen konnten die freiheitlichen Ideen auf Dauer aber nicht unterdrücken und als der preußische König Friedrich Wilhelm IV. 1842 die Leibesübungen als einen notwendigen und unentbehrlichen Bestandteil der männlichen Erziehung anerkannte, war der Bann endgültig gebrochen.

Überwachung und Abspaltung

War das Jahn‘sche Turnen in den ersten Jahren vor allem von Schülern und Studenten ausgeübt worden, traten jetzt in die neugegründeten Vereine besonders Handwerker, Handwerksgesellen und Arbeiter ein. Eine Gegebenheit, die auch die Anfangsjahre der Turngesellschaft in Crailsheim bestimmen sollte. Schließlich wurde die Revolution 1848/49 überwiegend von Turnern aus dem südwestdeutschen Raum getragen. Die Folge: Die Turner wurden mal mehr mal weniger stark staatlich überwacht, bis die Turnbewegung als solche mit der Reichsgründung 1861 politisch wieder salonfähig war. Die Turnbewegung blieb allerdings nicht lange eine einheitlich verbindende Kraft. 1893 kam es zu einer Abspaltung. Der Kaiserkult, die Forderung nach Wehrerziehung und die Unterstützung der Bismarckschen Innenpolitik gegen die Sozialdemokratie veranlasste viele Arbeiter, aus der Deutschen Turnerschaft auszutreten. Sie gründeten den Arbeiterturnerbund.

Eine Entwicklung, die in Crailsheim ähnlich verlief. Die Mitglieder des „Turnerbundes“ (TB) orientierten sich vorwiegend am strengen Reglement einer militärisch beeinflussten Körpererziehung, während die später gegründete „Turngesellschaft“ (TG) sich schon früh auch den anderen vielfältigen Formen des Bewegungskultes öffnete und so auch Heimat für die aufkommende Leichtathletik, Tanzgruppen, Schwimmer oder später auch die Radler wurde. Auch wenn sich die nebeneinander bestehenden Turnvereine in ihrer Ausrichtung unterschieden, waren beide von nationalem Gedankengut getragen. Das „bestehende Gesellschaftssystem zu beseitigen“, wie es etwa die Arbeiterturnvereine in Teilen für sich proklamierten, kam den heimischen Turnern nicht in den Sinn. Dass Turnbewegung auch in Crailsheim mit internationalen Einflüssen „fremdelte“, bekamen unter anderem die Fußballer deutlich zu spüren. Der als „englische Krankheit“ verschriene Ballsport suchte zunächst den Anschluss an die Turngesellschaft. Doch ständige Reibereien führten dazu, dass sich die Kicker der Horaffenstadt nach der Gründung der Fußballabteilung im Jahr 1919 in einem eigenen Verein, dem Sportverein Crailsheim (SVC) zusammenschlossen. Doch allein schon die ursprünglichen Vereinsfarben Rot-Weiss dokumentieren eindrucksvoll die ursprüngliche Herkunft. Der TSV Crailsheim in seiner heutigen Form ist die direkte Folge der politischen Veränderungen im Jahre 1933. Die Nationalsozialisten machen der Arbeiterturn- und Sportbewegung gewaltsam ein Ende. Die drei Sportvereine in Crailsheim werden kurzerhand zusammengelegt und in den Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibeserziehung eingegliedert. Der Zweite Weltkrieg wurde auch für den Verein zu einer einschneidenden Wegmarke. Dass zumindest einige Mitglieder schon kurz nach Kriegsende den Sportbetrieb wieder aufnahmen, so etwa die Korbballerinnen oder die Fußballer, macht deutlich, wie viel Trost der Sport den Einwohnern der fast völlig zerstörten Stadt bot. Gleichzeit veränderte sich das Verständnis des Vereins und so wird der TSV Crailsheim zum Sinnbild für die alte Forderung nach dem ,,Sport für alle“.

Über den Sport gelingt vielfach die Integration der zahllosen Heimatvertriebenen, die sich nach Jahren von Tod und Zerstörung in Hohenlohe-Franken eine neue Existenz aufbauten. Gleichzeitig wird Verein auch zum Sinnbild einer aufkommenden Freizeitgesellschaft. Zu den eher klassischen Sportarten wie Turnen, Leichtathletik, Fußball und Schwimmen gesellen sich über die Jahre auch Hand- und Volleyballer. Der Skisport gewinnt an Bedeutung. Fechter brillieren in den Crailsheimer Sporthallen ebenso wie die Radballer oder Tischtennisspieler. Tennis wird auch innerhalb des TSV zum Massensport. Die Abteilung hat zu ihren Hochphasen fast 900 Mitglieder. Im Frauenfußball setzt gerade auch der TSV Crailsheim Meilensteine in Sachen Gleichberechtigung. Es sind gerade auch Frauen aus Crailsheim und Umgebung, die den einstigen „Damenfußball“ auf das Spitzenniveau heutiger Tage heben.

So traditionsreich der größte Sportverein im Landkreis Schwäbisch Hall mit seinen aktuell 2553 Mitgliedern in 20 Abteilungen in Summe auch ist, so ist er doch auch immer wieder Keimzelle für neue Entwicklungen. So ging etwa aus einer ehemaligen Sport-AG die Basketball-Abteilung hervor, in der letztlich die Basis für das heutige Bundesliga-Team der Hakro Merlins gelegt wurde. Immer wieder wurden Sportler des TSV so auch zu imagetragenden Botschaftern für die Stadt.

Mit zahlreichen Veranstaltungen will der Verein seine Geschichte über das Jubiläum aktiv illustrieren. Vorsitzender Klaus-Jürgen Mümmler: „Wie so oft in seiner langen Geschichte, wollen wir als Verein damit zeigen, dass er den Menschen in der Region gerade auch in schwierigen Zeiten viel zu geben hat.“ Von Heribert Lohr  

Vorläufige Termine im Jubiläumsjahr

Noch kann niemand genau sagen, wann die Corona-Pandemie soweit überwunden ist, dass wieder Veranstaltungen mit vielen Besuchern in gewohnter Weise abgehalten werden können. Für das Jubiläumsjahr sind folgende Veranstaltungen mit zahlreichen Aktionen angedacht:

Frühjahr: Herausgabe eines Jubiläums-Sportkuriers als spezielle Festschrift für die Mitglieder des Vereines.

26. Juni: Historische Ausstellung und Vereinspräsentation am gelb-schwarzen Abend in der Innenstadt.
27. Juni: Halbmarathon
10. Juli: Stadionfest
3. Okt.: Sparkassenlauf
19. November: Galaabend