Fünf Jahre Bahnlinie Senden–Weißenhorn Zum Fest ein Fahrgastrekord

Online finden sich noch mehr Infos zum Weißenhorner: Bildergalerie, Diagramm und ein Video der Strecke: swp.de/weissenhorner
Online finden sich noch mehr Infos zum Weißenhorner: Bildergalerie, Diagramm und ein Video der Strecke: swp.de/weissenhorner
11.12.2018

Rückblick: Die Erwartungen waren hoch, als 2013 die Strecke wieder in Betrieb ging. Heute zeigt sich: Die Entscheidung war goldrichtig

Zum Auftakt gab es einen Sonderstempel der Post. Die Bäckerei Reißler verkaufte süße Stückchen in Zugform. Der Gesangverein „Liederkranz“ trat auf. Und obwohl es lausig kalt war an diesem 14. Dezember wurden mehrere Reden unter freiem Himmel am Bahnhof Weißenhorn gehalten. Als „Heldentat“ wurde sie darin bezeichnet, die Wiederbelebung der Bahnstrecke zwischen Senden und der Fuggerstadt; fast ein halbes Jahrhundert, nachdem der letzte Personenzug nach Fahrplan verkehrt war.

Riku Hotel

Fünf Jahre sind dieser Festakt und der offizielle Start der Kursbuchstrecke 976 nun schon her. Eine gute Gelegenheit also, die erste Bilanz zu ziehen. Wie wird das neue Angebot angenommen? Was läuft gut? Wo klemmt es? Wie geht es weiter? Die Regionalredaktion der SÜDWEST PRESSE hat dazu viele Beteiligte befragt und diese Doppelseite gestaltet. Bernd Jüstel, der als Sprecher der lokalen Agenda-Gruppe einer der Vorkämpfer war, ist mit einem eigenen Beitrag vertreten. Thomas Prechtl, Geschäftsführer der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG), stellt sich Fragen.

Was sagt der Weißenhorner Bürgermeister Wolfgang Fendt? „Wir sind mit der Bahn glücklich“, antwortet der Rathauschef, ohne überlegen zu müssen. Weißenhorn entwickle sich auch dank der Bahn sehr gut. „Ich kann hier im Grünen wohnen und habe doch in 25 Minuten Anschluss an die Großstadt. Besser kann es nicht sein.“ Zudem sei die Bahn ein „tolles Klimaschutzprojekt“. 

"Ich kann hier im Grünen wohnen und habe doch Anschluss an die Großstadt."

Wolfgang Fendt Bürgermeister von Weißenhorn

Dass es derzeit wieder Klagen gibt, der Zug sei unzuverlässig, nicht pünktlich und dreckig, sei „nicht hinnehmbar“. Das gefährde den Ruf eines „hervorragenden Projektes“ – von dem inzwischen auch frühere Skeptiker überzeugt seien. Sein Wunsch: Aus dem Ein-Stunden-Takt soll ein Halb-Stunden-Takt werden.

Das ist tatsächlich geplant, zumindest zu den Stoßzeiten. Voraussetzung ist, dass der Sendener Bahnhof umgebaut und modernisiert ist, wie Thomas Prechtl von der BEG im Interview sagt. Für die Arbeiten in Senden ist die Deutsche Bahn zuständig, der aktuelle Projektplan sieht vor, bis 2020 ein elektronisches Stellwerk in Betrieb zu nehmen; und bis 2022 neue Bahnsteige und einen Fußgänger-Tunnel.

Dann kann die „Betriebsstufe 1.5“ des Dieselnetzes Ulm starten, unter anderem mit dem geforderten Halb-Stunden-Takt von und nach Weißenhorn. Auftragnehmer ist von 2020 bis 2032 weiter die DB Regio, nachdem der Weißenhorner ab 2013 für drei Jahre von der RAB betrieben wurde.
Politiker, Vertreter von Bahn, Ding und SWU sowie engagierte Bürger durchschneiden 2013 nach der Einfahrt des ersten planmäßigen Zuges nach 47 Jahren in Weißenhorn ein Band.
Politiker, Vertreter von Bahn, Ding und SWU sowie engagierte Bürger durchschneiden 2013 nach der Einfahrt des ersten planmäßigen Zuges nach 47 Jahren in Weißenhorn ein Band.
Die 9,8 Kilometer lange Strecke Senden–Weißenhorn gehört übrigens nicht der Bahn, was einmalig ist in Bayern. Das Gleis gehört den Stadtwerken Ulm/Neu- Ulm. Diese sprangen 2009 zunächst als Pächter ein, nachdem die DB die Abzweigung, über die damals nur noch Güterzüge ratterten, stilllegen wollte. Die SWU sanierten die Strecke für rund zehn Millionen Euro, kauften sie und betreiben diese seither. Dabei soll es auch bleiben, sagt SWU-Sprecher Bernd Jünke. Die Trassenentgelte seien „auskömmlich“, der Infrastrukturbetrieb trage sich und erwirtschafte alljährlich ein Plus. Das erwartet die SWU Verkehr auch für die nächsten Jahre, zumal sich die Zugbewegungen auf einem stabilen Niveau halten. Im Jahresschnitt verzeichnet die Strecke laut Jünke rund 14 300 Fahrten. „Bei dem aktuell beobachteten Fahrgastzuspruch darf man davon ausgehen, dass sich der Trend fortsetzt.“

Alltagsbetrieb mit modernen Fahrzeugen. Foto: Patrick Fauß/Lars Schwerdtfeger
Alltagsbetrieb mit modernen Fahrzeugen. 
Foto: Patrick Fauß/Lars Schwerdtfeger
Heuer wird mit 1600 Fahrgästen pro Tag auf der Strecke gerechnet – oder, wie die Planer sagen: 1600 Personen wurden über einen Kilometer befördert, 1600 Personenkilometer pro Kilometer Betriebslänge. So viele wie noch nie! 2014 waren es 1325 Passagiere, 2015 ging es runter auf 1250 Passagiere, 2016 waren es dann 1310 und 2017 sogar 1450 Fahrgäste. Diese Zahlen seien „ein deutlicher Beleg dafür“, dass es richtig ist, das Angebot auf der Schiene zu forcieren. Sagt Oliver Dümmler, der Geschäftsführer des Vereins Regio-S-Bahn Donau- Iller. Die Wiederbelebung von Senden–Weißenhorn sei ein „mutiges Projekt“ gewesen, das zu Recht als Keimzelle oder Rückgrat des geplanten Netzes gelte. „Eine Erfolgsgeschichte.“

Info Am Samstag, 15. Dezember, gibt es eine Geburtstagsfahrt: Start ist um 10.03 Uhr auf Gleis 7 in Ulm. Nach Ankunft in Weißenhorn um 10.34 Uhr startet ein Gratis-Stadtrundgang. Rückfahrt ist ab 12.22 Uhr in Weißenhorn. Nach Ankunft in Ulm um 12.54 Uhr starten zwei Gratis-Führungen: „Spannende Zeitreise ins Mittelalter“ (für Kinder) und „Mittelalter trifft Moderne“. Anmeldungen bis 14. Dezember: info@ding.eu. Die anderen Züge sind nicht gratis.

Interview

„Erfolgreiches Projekt“

Thomas Prechtl ist der oberste Eisenbahner in Bayern. Foto: BEG
Thomas Prechtl ist der oberste Eisenbahner in Bayern. 
Foto: BEG
Herr Prechtl, der Weißenhorner gilt als erfolgreichste Wiederbelebung einer Bahnstrecke in Bayern.

Thomas Prechtl: Die Reaktivierung Senden-Weißenhorn wird von der BEG als sehr erfolgreiches Projekt gesehen. Vor allem, weil die Strecke in den Verdichtungsraum Ulm hineinführt und so dazu beiträgt, Verkehr auf der Straße zu vermeiden.

Senden-Weißenhorn ist mithin ein echtes Vorbild?

Ja, diese Reaktivierung hat für uns durchaus einen vorbildhaften Charakter.

Warum schneidet der Weißenhorner bei den BEG-Qualitätsrankings immer so mies ab?

Das war vor allem auf erhebliche Mängel bei der Sauberkeit der Züge zurückzuführen. Seit 2017 haben sich die Gesamtwerte verbessert. Es bestehen aber weiter Mängel. Wir erwarten, dass die DB Regio gezielte Maßnahmen ergreift, um diese zu beheben.

Was muss passieren, damit der Weißenhorner attraktiver wird?

Sobald der Bahnhof Senden mit moderner Leit- und Sicherungstechnik sowie mit barrierefreien Bahnsteigen ausgestattet ist, soll das Angebot von/nach Weißenhorn in der Hauptverkehrszeit auf einen Halbstundentakt ausgeweitet werden. Darüber hinaus werden ab Ende 2020 fabrikneue Fahrzeuge eingesetzt.

Werden auch in zehn Jahren noch Personenzüge nach Weißenhorn fahren?

Diese Frage kann ich mit einem klaren „Ja“ beantworten.

Zur Person Thomas Prechtl ist seit Oktober 2016 zweiter Geschäftsführer bei der Bayerischen Eisenbahngesellschaft BEG, seit Anfang November dieses Jahres hat er diese Aufgabe alleine inne. Die BEG plant, finanziert und kontrolliert den Schienenpersonennahverkehr im ganzen Freistaat Bayern.

„Die Bahn selbst zeigte kein Interesse“

Beitrag: Unser Gastautor hat stets an die Reaktivierung geglaubt. Er zieht nun eine Bilanz.

Ein Vorkämpfer für die Bahn: Bernhard Jüstel. Foto: Privat
Ein Vorkämpfer für die Bahn: Bernhard Jüstel. Foto: Privat
Weißenhorn. Schon in den 1990er Jahren haben sich Interessierte zusammengeschlossen, und die Idee verfolgt, ein zukunftsfähiges ÖPNV-Modell aufzustellen. In meiner Erinnerung ist noch das Jahr 1997, als eine Sonderfahrt mit dem damals neuzeitlichen dieselgetriebenen Niederflurfahrzeug der DB zum Bahnhof Weißenhorn organisiert wurde. In Weißenhorn formierte sich die Gruppe der Reaktivierungsfreunde um Reinhold Reibl. 2001 trat ich dieser Bürgerinitiative bei.

2004 kam es zu einem ersten Gutachten zur möglichen Reaktivierung, das damals vom Kreistag und den Stadträten der anliegenden Kommunen mit positiver Mehrheit zur Kenntnis genommen wurde. Als hilfreiches Instrument erwiesen sich die Aktionstage „Ohne Auto mobil“. 2008 erfolgte ein weiteres Gutachten, das Grundlage war für die Neuauflegung eines Nahverkehrskonzeptes für den Landkreis Neu-Ulm.

Der damalige Landrat Erich Josef Geßner und Vertreter des Regionalverbandes bemühten sich weiter um einen Auftraggeber für den Bahnbetrieb zu finden. Dies scheiterte vor allem darin, dass die damalige Staatsregierung sich nicht in der Lage sah, die Reaktivierung überhaupt ins Auge zu fassen. Die Bahn selbst zeigte kein Interesse.

Barfüßer die Hausbrauerei

Die Unternehmer Groer und Oetinger bekundeten im Falle einer Stilllegung der Strecke, diese selbst zu übernehmen. Das Bemühen von Landrat Geßner, einen Infrastrukturunternehmer zu gewinnen, fruchtete darin, dass die Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm ihre Zusage trafen, die Strecke zu pachten und im Falle der Reaktivierung zu kaufen. Dies erfolgte im Frühjahr 2009. Im April 2013 erfolgte der Planfeststellungsbeschluss, im Mai der erste „Spatenstich“ am Bahnhof Weißenhorn.

Seit dem 15. Dezember 2013 ist der „Weißenhorner“ im Einsatz und hat den öffentlichen Nahverkehr im Kreis Neu-Ulm und in der Region in einem völlig neuen Maßstab gerückt. Durch die Erschließung des Umlandes mit dem Bus ist es gelungen, dem ehrgeizigen Ziel, gleichwertigere Lebensverhältnisse auf dem Land sowie in der Stadt zu schaffen, näher gekommen. Die Schiene ist das Rückgrat einer schnellen, sicheren und zuverlässigen Erschließung einer Region.

Zeit des Autos endet

Die Reaktivierung der Bahnstrecke Senden–Weißenhorn ist als Referenz für den Personenverkehr auf der Schiene und die Neukonzeption des ÖPNV in der Region Donau-Iller zu verstehen und zu sehen. Als mustergültiges Projekt in Bayern ist es zukunftsweisend: Das Auto hatte seine Berechtigung, jetzt gilt es zu neuen Horizonten aufzubrechen. Bernhard Jüstel

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