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Ratiopharm Ulm - Das Finalturnier Wehmütig, aber dankbar

Basketball: Die Spieler trauern der verpassten Chance hinterher, mit Ratiopharm Ulm im Finale um die deutsche Meisterschaft zu spielen. Trotzdem fällt Per Günthers Turnierfazit positiv aus.

Treffsicher und sympathisch: Die Verpflichtung von Thomas Klepeisz für das Titelturnier erwies sich für Ulm als Glücksgriff. 
Foto: Kevin Voigt/Eibner

25.06.2020

An dem Tag, an dem Per Günther sein Karriereende verkündet, wird die gesamte Basketball-Bundesliga trauern. Zum einen, weil ein großartiger Spieler die Bühne verlässt. Zum anderen, weil er ein Sympathieträger ist, seit Jahren das Gesicht der Liga und mit einer Lockerheit zu allen Themen Stellung bezieht. Sollte der 32-Jährige mit Ratiopharm Ulm tatsächlich noch einen Titel gewinnen, gibt es in Basketball-Deutschland wohl niemanden, der ihm diesen Erfolg nicht gönnen würde.
        

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Die Chance auf die Krönung seiner Karriere wird Per Günther allerdings wohl nicht mehr häufig bekommen. Das wusste der Ulmer Teamkapitän, als er nach der 85:94-Niederlage im Halbfinal-Rückspiel gegen Ludwigsburg zum Interview erschien. Wieder einmal musste er mit dem Ratiopharm-Team einem anderen Klub den Vortritt lassen. Doch in den vielen bitteren Niederlagen, die Günther in seiner Zeit in Ulm erlebt hat, zeigte er stets seine Größe als Sportsmann. So auch am Dienstagabend, als er nach dem Zerplatzen des nächsten Titeltraums aufgeräumt und reflektiert über das zuvor Geschehene sprach.

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Günther hadert mit dem Hinspiel
Natürlich überwog die Enttäuschung. „Das ist ein bisschen eine verlorene Chance“, sagte der Aufbauspieler wehmütig. Schon nach dem 71:71 im Hinspiel habe ihn ein schlechtes Gefühl beschlichen, da es Ulm nicht geschafft hatte, aus einem schlechten Spiel der Riesen mehr Kapital in Form eines Punkte-Polsters fürs Rückspiel herauszuschlagen. Das rächte sich im zweiten Duell, als das Ratiopharm-Team nicht mehr so frisch wie im bisherigen Turnier wirkte und auch nicht mehr die Emotionen an den Tag legte, die es in der grandiosen Gruppenphase mit vier Siegen und im Viertelfinale gezeigt hatte. Den Riesen gelang es besser, sich im leeren Audi-Dome mit gelungenen Aktionen gegenseitig zu pushen. Die Ratiopharm-Akteure hingegen wirkten teilweise nicht nur körperlich müde, sondern auch emotional erschöpft.


"Es war eine großartige Erfahrung und hat richtig Spaß gemacht."

Thomas Klepeisz über seine Zeit beim Turnier


Es war nicht schlecht, was Ulm ablieferte. Aber es reichte nicht an die zuvor gezeigten Leistungen heran und war letzten Endes zu wenig, um aufopferungsvoll kämpfenden Riesen den Schneid abzukaufen. „Im letzten Viertel haben wir versucht, ihr Spiel zu spielen und hatten viele Einzelaktionen“, analysierte Trainer Jaka Lakovic. Während sein Team vom gewohnten Stil abwich, setzte Ludwigsburg unbeirrt auf die individuelle Klasse – und war damit erfolgreich.

Obwohl die Enttäuschung groß war, gelang es Günther, ein erstes Resümee zu fassen: „Bei mir überwiegt die Dankbarkeit, so eine coole Erfahrung mitgemacht zu haben. Manchmal klickt es einfach, und es hat über weite Strecken Spaß gemacht, mit dieser Mannschaft Basketball zu spielen.“ Diese Freude war allen Akteuren in den meisten Partien anzusehen. Ähnlich wie bei Alba Berlin, wo man anhand der Spielweise erkennt, dass die Spieler gerne zusammen auf dem Feld stehen und sich gegenseitig vertrauen, bot auch Ulm in diesen zweieinhalb Wochen tollen Team-Basketball. Belohnt wurde das nicht nur mit sechs Siegen in acht Spielen, sondern auch mit einem Gefühl, das Günther zuletzt vermisst hatte – und von dem er nicht weiß, wie oft er es noch verspüren darf: „Tatsächlich gab es eine Zeit lang die Hoffnung, einen Titel zu gewinnen. Diese Hoffnung ist etwas sehr wertvolles. Im Mittelstrahl meiner Karriere gab es sie häufiger, in den letzten Jahren gab es sie nicht mehr.“
      

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Zweimal im Halbfinale gescheitert
Das klingt ein wenig danach, dass der zweifache Familienvater zuletzt nicht mehr groß gehofft hatte, mit Ratiopharm Ulm um eine Meisterschaft oder einen Pokalerfolg mitspielen zu können. Doch beides war in dieser kuriosen und einmaligen Saison der Fall. In beiden Wettbewerben hat sich Ulm bis ins Halbfinale vorgekämpft, beides Mal war dort aber trotz guter Voraussetzungen Endstation.

Die Saison, die so durchwachsen begonnen hat und deren Ausgang zum Zeitpunkt des Corona-bedingten Abbruchs nicht unbedingt vielversprechend war, ist für Jaka Lakovic und sein Team ein Erfolg. Für die kommende Spielzeit, wann immer die auch starten wird, sieht es schon einmal gut aus. Andreas Obst und Patrick Heckmann besitzen ebenso einen gültigen Vertrag wie Derek Willis und Dylan Osetkowski. Der Center ist mit seiner doppelten Staatsbürgerschaft (amerikanisch und deutsch) doppelt wertvoll. Christoph Philipps und Gavin Schilling haben nicht erst beim Titelturnier einen großen Schritt nach vorne gemacht und sich für einen neuen Vertrag empfohlen – falls das finanziell realisierbar ist.

Dank des Startrechts für den Eurocup stehen die Chancen von Sportdirektor Thorsten Leibenath nicht schlecht, gute internationale Spieler für Ulm zu begeistern. Ob Thomas Klepeisz, dessen Vertrag in Braunschweig ausgelaufen ist, dazugehört, kann momentan noch keiner sagen. Auch der Österreicher selbst nicht. Immerhin gab er zu, dass die vergangenen Wochen im Ratiopharm-Trikot „eine großartige Erfahrung waren und es wirklich richtig Spaß gemacht hat“. Wie es mit Tyler Harvey und Archie Goodwin weitergeht, ist ebenfalls offen.

Bleibt noch Per Günther, der seit zwölf Jahren das Ratiopharm-Trikot trägt. Der Vertrag des 32-Jährigen läuft aus, die Zeiten als „Speedy Günzales“ sind vorbei. Doch als Führungs- und Identifikationsfigur ist er für den Klub eigentlich nicht zu ersetzen. Günther wird selbst darüber entscheiden können, wie und ob es für ihn im Ulmer Trikot weitergeht. Wenn er noch eine Saison dranhängen will und die Rahmenbedingungen stimmen, wird der Klub ihm einen Vertrag geben. Dann dauert es mindestens noch eine Saison, bis Per Günther seine Karriere beendet. Doch irgendwann wird der Tag kommen – und die Basketball-Bundesliga wird trauern. Von Sebastian Schmid


Kommentar

Trotz Niederlage ein Gewinner

Sebastian Schmid zum Abschneiden der Ulmer Basketballer
Sebastian Schmid zum Abschneiden der Ulmer Basketballer

Schade!!! Schade, dass die Ulmer Basketballer das Finale verpasst haben. Sie hätten den Endspiel-Einzug verdient gehabt. Schade, dass die vergangenen zweieinhalb Wochen ohne Fans über die Bühne gehen mussten. Sie hätten ein paar Basketball-Festtage in der Ratiopharm-Arena erlebt. Schade, dass das Finalturnier am Sonntag endet. Die Veranstaltung, die vor Beginn durchaus skeptisch gesehen wurde, war in schwierigen Zeiten ein voller Erfolg und hat Lust auf die neue Saison gemacht – am besten mit Fans.

Doch nicht nur für die Liga war das Geister-Titelturnier eine tolle Geschichte. Das veränderte Ulmer Team zeigte schönen Basketball, trat als Einheit auf und begeisterte mit seiner Spielweise und den Typen im Kader nicht nur die eigenen Fans, sondern sammelte (mal wieder) deutschlandweit Sympathiepunkte. Trainer Jaka Lakovic hat mit seinen Schützlingen das Beste aus der Corona-Pause und einer schwierigen Saison herausgeholt. Es hat Spaß gemacht, Ratiopharm Ulm beim Spielen zuzuschauen. Auch wenn das Finale und der Titel verpasst wurden, ist Ratiopharm Ulm einer der Gewinner dieses Meisterschaftsturniers.

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