Sonderveröffentlichung

Ulmer Denkanstöße Zukunftsmodell Demokratie?

Die erfolgreiche Reihe „Ulmer Denkanstöße“ wird auch in diesem Jahr stattfinden. Die Organisator*innen haben die Veranstaltung als reines Online-Event angelegt.

Mit dabei bei den diesjährigen Denkanstößen: Didi Krauss (links) und Kabarettist Christoph Sonntag (rechts). Die Diskussionsreihe der Universität Ulm, der Stadt Ulm und der Stiftung Bildung und Soziales der Sparda-Bank Baden-Württemberg findet in diesem Jahr komplett online statt. Foto: Archiv/Karl-Heinz Rückert

8.03.2021

Auch in diesem Jahr gibt es die Denkanstöße, die Diskussionsreihe der Universität Ulm, der Stadt Ulm und der Stiftung Bildung und Soziales der Sparda-Bank Baden-Württemberg im Ulmer Stadthaus. Das Thema lautet „Demokratie – Auslauf- oder Zukunftsmodell?“

Politik-Urgestein Rezzo Schlauch ist dabei

Im Moment ist die Demokratie mehr denn je im Stresstest. Anfeindungen von innen und außen, Hate Speech, Fake News, Populismus, Lobbyismus, die Liste der Herausforderungen ist lang und alle etablierten Demokratiemodelle weltweit finden sich im selben Bedrohungsszenario wieder. Als Redner*innen kommen in diesem Jahr unter anderem die Politikerin Diana Kinnert, sie ist in der CDU, seit sie 17 ist und wurde bei ihrem ersten Stammtisch für die Kellnerin gehalten. Auch wenn es nicht immer einfach war, hat sich die 30-Jährige davon nicht abschrecken lassen und ist heute auch Unternehmerin und Publizistin. Der Eröffnungsvortrag hat den Titel „Kapitalismus, Flexibilität, Vereinzelung“. Ein weiterer prominenter Gast ist Rezzo Schlauch, Grünen-Politiker der ersten Stunde. Der heute 73-Jährige will bei seinem Vortrag darauf aufmerksam machen, wie fragil die westliche Demokratie ist, gerade auch im Hinblick auf das Erstarken rechtspopulistischer Parteien.

Ulmer Denkanstöße

Christoph Sonntag: Comedy und Engagement

In diesem Jahr ebenfalls dabei: Christoph Sonntag. Der Kabarettist kann aber nicht nur unterhalten, sondern auch die Welt verbessern. Deshalb hat er im August 2007 eine gemeinnützige Organisation - die „Stiphtung Christoph Sonntag“ - gegründet. Mit dieser macht er immer wieder Projekte für benachteiligte Jugendliche, im Jahr 2019 waren das 29 Demokratie-Wochen mit insgesamt 550 Jugendlichen. „Ich hätte vor zehn Jahren nicht gedacht, dass wir in diesem Land noch mal für die Demokratie in den Ring steigen müssen. Ich mache immer mehr die Erfahrung, dass viele Menschen die Segnungen der Demokratie genießen, aber nicht mehr wissen, dass man diese auch schützen, bewahren und ausbauen muss“, so Sonntag. Durch seine humorvolle Herangehensweise bewegt der Satiriker seine Zuschauer*innen dazu, sich mit gesellschaftlichen Themen zu beschäftigen, die ihm am Herzen liegen. Christoph Sonntag berichtet bei den Denkanstößen die ersten zehn Minuten im Interview über dieses Projekt und steigt dann in alter Manier in kabarettistische Unterhaltung ein.

Info 
Aufgrund der aktuellen Corona-Situation werden die einzelnen Programmpunkte der Denkanstöße ausschließlich als Livestream angeboten. Die Veranstaltung kann interaktiv von zu Hause aus mitverfolgt werden. Ergänzend zu den Vorträgen gibt es weiterführende Informationen oder die Möglichkeit, in einem Chat Fragen an die Referierenden zu stellen. Den Live-Stream der Denkanstösse gibt es unter

www.ulmer-denkanstoesse.de


Einfach machen!

Der Vortrag von Diana Kinnert wird die Veranstaltung eröffnen. Sie ist, seit sie 17 ist, politisch engagiert. Nicht immer einfach.

Dame mit Hut: Politikerin Diana Kinnert hat als Markenzeichen immer einen auf. Foto: Archiv
Dame mit Hut: Politikerin Diana Kinnert hat als Markenzeichen immer einen auf. Foto: Archiv

Frau Kinnert, Politik – für viele, gerade auch jüngere Menschen, nicht besonders attraktiv – die Altherrenrunde lässt grüßen. Woher kam Ihr Interesse?

Diana Kinnert: Wer nicht handelt, wird behandelt. Mir ist früh klar geworden, dass die Ausgestaltung unserer Umgebung nicht aus dem jungen Blickwinkel gedacht ist. Man kann sich nun darüber beklagen, – oder aber etwas dagegen tun. Ich habe entschieden: Der Weg in das Parteiensystem ist die wohl unmittelbarste und kraftvollste Art des demokratischen Engagements.

Hat man es schwerer, wenn man eine vergleichsweise junge Politikerin ist?

Demokratische Politik funktioniert über Mehrheiten. Als junge Frau steht man oft alleine da. Wir sind in den Parlamenten und Parteien zu wenige. Das gewachsene Patriarchat watscht auch über Zigarrenräume und Mikrosexismen ab. Man sollte sich nicht von Mediengeschichten von Alexandria Ocasio-Cortez bis Sawsan Chebli verleiten lassen, - wir haben noch einen weiten Weg vor uns.

Was hört man von Ihnen bei den Denkanstößen?

Mein neues Buch „Die neue Einsamkeit“ ist gerade erst erschienen. Ich freue mich, Thesen daraus vorstellen zu dürfen. Ich vermisse den sozialen Aufstand der jüngeren Generation, das Erkennen neuer ökonomischer Interdependenzen, das Aufwerfen der neuen sozialen Frage. Wir Jungen sind Leidtragende eines Kapitalismus, der uns zunehmend Flexibilität und Anpassung abverlangt. Doch wer ständig dem Druck nach Innovation und Disruption nachgibt, braucht sich nicht wundern, dass Orientierung und Verlässlichkeit abhanden kommen. Einsamkeit, die tödlich sein kann, ist kein Zufallsprodukt unserer Zeit; sie ist das Resultat eines ökonomischen Flexibilitätsregimes. Wenn wir dem den Kampf ansagen wollen, müssen wir das beinahe Unmögliche schaffen: Die Vereinzelten zum Aufstand mobilisieren.


Den Jungen gehört die Welt

Erik Albrecht ist Autor des Buches „Generation Greta“ - er wird über die heimlichen Revolutionäre referieren.

Autor Erik Albrecht. Foto: Oxana Evdokimova
Autor Erik Albrecht. Foto: Oxana Evdokimova

Herr Albrecht, Wieso haben Sie sich gerade die Generation Z in Ihrem Buch „vorgenommen“? Erik Albrecht: Die Generation

Z ist mit „Fridays for Future“ vor der Corona-Pandemie lautstark auf die Straße gegangen. Das ist neu. Selten war Protest in Deutschland so jung und lange Zeit galten Jugendliche eher als unpolitisch. Die Generation Z der Unter-20-Jährigen, oder die Generation Greta, wie wir sie nennen, ist da anders. Spannend finde ich daran vor allem, dass sie bei Klimawandel und anderen Themen Probleme angeht, bei denen wir Älteren schon längst resigniert haben. Insofern lohnt es sich der jungen Generation zuzuhören.

Das Thema der diesjährigen Veranstaltung Denkanstöße ist „Demokratie“ – wie ordnen Sie die Generationen Y und Z in diesem Kontext ein?

Die Generation Y, also die 20- bis 35-Jährigen, ist anders sozialisiert. Sie hat auf Veränderungen in ihrem direkten Umfeld gesetzt, sich im Vergleich zur ihren Nachfolger* innen aus der großen Politik jedoch weitgehend herausgehalten. Auch wenn das Interesse an Politik unter Jugendlichen schon seit einigen Jahren wieder ansteigt - erst in der Generation Z ist politisches Engagement wieder hip geworden. Das ist eine sehr gute Nachricht für unsere Demokratie.

Sie nennen die Generation die heimlichen Revolutionäre – Revolution und Demokratiepasst das zusammen?

Bislang passt das eher schlecht zusammen. Die Parteien tun sich schwer damit, Impulse aus der Jugend aufzunehmen – sei es bei der Klimabewegung oder auch bei den Videos des YouTubers Rezo. Deshalb bewegen sich die jungen Generationen bislang in erster Linie außerhalb des Parteiensystems. Langfristig müssen sich die Parteien ändern, wollen sie für die Jugend attraktiv werden.