Liebe Konfis, ist es euch auch schon so ergangen? Jene Klassenarbeit hatte ich. total verhauen. Genau weiß ich die Note nicht mehr, aber es muss um „mangelhaft“ herum gewesen sein. Woran es lag? Ich war wohl zu locker und unbedacht herangegangen und hatte mich zu sehr auf mein Sprachgefühl verlassen, mich aber viel zu wenig vorbereitet.
Es war im Fach Französisch. Diese Sprache gefiel mir besonders. Dabei tat ich mich bei Sprachen allgemein viel leichter als zum Beispiel in Naturwissenschaften. Dort musste ich büffeln und es hat trotzdem höchstens bis zu „befriedigend“ gereicht. In den sprachlichen Fächern musste ich nicht viel tun und die gute Note war mir trotzdem sicher – dachte ich jedenfalls bis zu dieser Klassenarbeit.

In jenem Alter – ich muss so 15 gewesen sein – habe ich mich ohnehin lieber mit anderen, außerschulischen beschäftigt.
Die Dinge, Freunde, waren wichtiger und die Frage, was wir am nächsten Wochenende unternehmen. Schule musste da auch mal nebenherlaufen, als notwendiges Übel. Das Resultat sah ich in der Note der Klassenarbeit. Es war die erste Arbeit in diesem Schuljahr, und dummerweise auch noch bei einem neuen Lehrer. Der musste gleich einen schlechten Eindruck von mir kriegen. Ich war geknickt; der Lehrer muss es mir angesehen haben. „Schwamm drüber“ oder so etwas Ähnliches, sagte er zu mir. „Streng dich ein bisschen an, dann wird es wieder besser!“ Ist das nicht so ein stereotyper Satz, der einfach so dahergesagt wird?
Das Schulhalbjahr verging, ich hielt die Halbjahresinformation in den Händen. Für Französisch hatte ich mir gerade noch so eine „befriedigend“ ausgerechnet. Es gab damals nur ganze Noten. Was ich aber sah, war eine „gut“: fast eineinhalb Noten besser als mein rechnerischer Stand. Ich rieb meine Augen und schaute nochmals hin. Immer noch stand in Französisch „gut“.
Die restlichen Klassenarbeiten waren ja ganz gut gewesen. Aber insgesamt schätzte ich mich mittelprächtig ein, zumal ich mündlich nie glänzte. Und die gelegentlichen Vokabeltests waren auch nicht berauschend: Vokabeln lernen gehörte bei mir oft zu den Dingen, die ich lieber aufgeschoben habe.
Mir fiel die Reaktion des Lehrers nach der ersten Klassenarbeit wieder ein. „Schwamm drüber“ hat er inhaltlich wahrgemacht. Das schlechte Ergebnis dieser Arbeit war ausgelöscht. Nicht ausgelöscht hingegen war für mich die Wirkung dieses „Schwamm drüber“. Es hat mir viel mehr gebracht als so manche gute Note.
Den Lehrer haben wir Schüler und Schülerinnen Fritz genannt. Hören sollte er es nicht, aber gewusst hat er es wahrscheinlich. Er hat bei mir Potenzial gesehen. Vielleicht mehr Potenzial, als ich selbst damals in mir gesehen habe. Auf Dauer gesehen hat mir das viel Sicherheit gegeben.
Wer sieht das Potenzial in euch, liebe Konfis? Ich durfte viele Konfi-Jahrgänge begleiten. Aufgrund dieser Erfahrung kann ich sagen, dass es keine Jugendlichen ohne Potenzial gibt. Es gibt aber sehr viele, die ihr Potenzial noch gar nicht kennen und noch nicht merken, was alles in ihnen steckt. Sie alle mögen solchen Menschen begegnen wie ich jenem Französischlehrer Fritz, die ihnen dabei helfen, ihr Potenzial freizulegen.
Aber auch umgekehrt gilt es: Ihr könnt solche Menschen sein, die andere motivieren und Fähigkeiten aus ihnen herauskitzeln. Wenn der Klassenkamerad oder die Freundin an sich zweifeln, könnt doch auch ihr sie wieder aufbauen. Dieses Potenzial habt ihr auch!
Jeremia wurde einer der bedeutendsten Propheten im alten Israel. Als einer der großen Schriftpropheten der Bibel ist er noch heute bekannt. Sich etwas zugetraut und gar sein eigenes Potenzial gesehen hat er aber zunächst nicht. Als Gott ihn beauftragt hat, waren seine Reaktionen: „Ich tauge nicht zu predigen“ und „Ich bin zu jung.“ Gott aber hat an ihm festgehalten und hat ihn bestärkt – was sich gelohnt hat – nachzulesen in Jeremia. Gott sah Jeremias Potenzial. Er hat auch euch mit Potenzial geschaffen.