Sonderveröffentlichung

Tagblatt in der Schule Eine Flucht voller Hoffnungen

Drei Geflüchtete gaben Schülern des Wildermuth-Gymnasiums Einblicke in ihr Leben und ihre Erfahrungen.

04.03.2025
NAEBLYS - STOCK.ADOBE.COM
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„Es gab keine Alternative, als zu fliehen“,

das sagt die Syrerin Oula Mahfouz. Sie floh mit ihren Kindern 2013 aus ihrem Heimatland, als die Revolution in Damaskus das Land erschütterte. Das syrische Regime hatte die Bevölkerung so stark unterdrückt, dass das Leben dort nicht mehr zu ertragen war. Ihr Weg führte über Ägypten, Libyen und schließlich mit einem Schlauchboot über das Mittelmeer nach Italien, bevor sie nach Deutschland gelangten. In Ägypten war es schwer, Arbeit zu finden. „Deshalb sind wir nach Libyen weitergezogen“, sagte sie. In Libyen fand sie als Lehrerin Arbeit, doch der Bürgerkrieg vor Ort zwang sie bald erneut zur Flucht.

Die einzige Möglichkeit weiterzukommen war die gefährliche Überfahrt über das Mittelmeer. 14 Stunden lang kämpften sie und ihre Kinder auf einem Schlauchboot, ohne Wasser und Nahrung ums Überleben. „Die Flucht zu überstehen, lag bei einer Chance 50 zu 50, aber in Libyen zu bleiben, wäre noch schlimmer gewesen.“ Für Mahfouz war die Flucht auch eine ständige Auseinandersetzung mit der mentalen Belastung, besonders als alleinerziehende Mutter. Ihre Antwort auf die Frage, ob sie Diskriminierung erlebt habe, ist eindeutig: „Ja, klar! Es war nie einfach“, sagte sie, obwohl später auch viele Menschen in Deutschland sie unterstützten. Doch: „Die Diskriminierungen, die ich hier in Deutschland erlebt habe, waren für mich sogar schlimmer als die Flucht selbst.“

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Ihre Sehnsucht nach Syrien wächst, besonders nach dem Sturz von Baschar al-Assad. „Es ist wie ein Traum, aber eine Rückkehr ist nicht sicher. Ich habe Angst, dass ich mein Land nicht mehr erkennen werde.“ Die Sehnsucht nach ihrer Heimat schmerzt. Aber die ungewisse Zukunft und die anhaltende Unsicherheit im Nahen Osten, vor allem im Hinblick auf den Konflikt mit Israel, bewegt sie dazu, mit der Rückkehr vorsichtig zu sein.

Matti Schnitzer,
Raphael Speichert,
Samet Güler,
Simon Sindlinger


Starke Sehnsucht nach Svrien

Das Thema der Flucht ist prominenter denn je in unserer heutigen Gesellschaft. Jeden Monat werden Konflikte wieder neu entfacht, die Millionen Menschen zwingen, ihre Heimat zu verlassen. Rund 120 Millionen Menschen weltweit fliehen vor Krieg, Gewalt und Unterdrückung aus ihrer Heimat, so die Vereinten Nationen. So auch Reem Al Sagheer-Kamel. Die Syrerin lebt seit zehn Jahren in Deutschland, studiert in Rottenburg und wohnt in Reutlingen mit ihrem Mann und ihrer Tochter. Sie und ihre Mutter Oula Mahfouz sind längst Deutsche.

„Ich hatte die beste Kindheit dort“, sagte Kamel-Al Sagheer über ihr Leben in Damaskus. „Vielleicht hängt es davon ab, dass man richtig starkes Heimweh hat oder zurückgehen will.“ Von der Grundschule bis zur achten Klasse waren der Schulbetrieb und der Alltag unproblematisch. Doch mit dem Beginn des Kriegs entschied sich die Familie dafür, ihre Heimat zu verlassen. Das erste geplante Ziel war Ägypten. Reem, ihre Mutter und ihre Geschwister reisten mit dem Flugzeug ein, um bei Verwandten unterzukommen. Doch die Mutter entschied, nach schwieriger Jobsuche und Problemen in der Schule, das Land Richtung Libyen zu verlassen. Die Familie floh drei Tage durch die Wüste: „Von Ägypten nach Libyen gab es keinen Weg, das war viel schwieriger und schlimmer als das mit dem Boot, es war dunkel. Wir mussten viel laufen“, sagt Kamel-Al Sagheer.

Die Mutter fand Arbeit, die Kinder konnten wieder in die Schule gehen. Durch ihre schon dort lebende Familie fanden sie Anschluss an das Alltagsleben. Doch der ausbrechende Krieg zwang sie ein weiteres Mal ein Zufluchtsland zu verlassen. Die Flucht war risikoreich, jedoch erschien es weniger übel, als zu bleiben. Sie entschieden sich für Dänemark.

Die Familie zahlte viel für die Überfahrt nach Europa. Das Boot war mit rund 240 Personen stark überfüllt. Niemand konnte sich bewegen. Während der 16 Stunden Fahrt fielen einige Menschen vor Erschöpfung um. Ein zweites Problem war die versprochene Versorgung: Es gab nichts zu essen und trinken. Trotz dieser Schwierigkeiten kam die Familie in Italien an. Von dort aus gelangten sie, per Zug, problemlos bis nach Deutschland, wo sie von den Behörden aufgehalten wurden. Daraufhin entschieden sie sich, in Deutschland zu bleiben. Anfangs waren sie in verschiedenen Flüchtlingscamps untergebracht. Während der Zeit in Bayern erfuhren Reem und ihre Familie Distanzierung und rassistische Anfeindungen. Sie fühlten sich ausgeschlossen. Al Sagheer-Kamel fühlt sich mittlerweile gut in Deutschland aufgehoben. Doch die Folgen der Flucht wirken dennoch weiter. Vor allem kämpften ihre Eltern und andere Angehörige mit dem Erlebten. Die Flucht war für Reem selbst ein prägendes Ereignis, das sie als Person geformt hat. Heute denkt sie oft nostalgisch an ihre Kindheit in Syrien zurück. „Vom Herzen her will ich gerne zurückgehen, weil ich die ganze Zeit Heimweh habe.“ Sollte es die politische Lage je zulassen, hofft sie, eines Tages in ihr Heimatland zurückzukehren.

Gabriel Clemens Madaus,
Emil Schlixbier, Michael Friedrich Pfahl,
Till Friedrich Anhorn


Neben dem Schlauchboot schwammen Leichen

Die Afghanin Farzaneh Hassani hatte eine bewegte Jugend. Mit 15 Jahren floh sie mit ihrer Familie aus dem Iran nach Deutschland. Dort wurden sie diskriminiert und hatten keine Perspektive. Nach der Machtergreifung der Islamisten in Afghanistan war eine Rückkehr ausgeschlossen. „Die Taliban haben mein Land genommen und mein Präsident hat mein Land verkauft“, sagte Hassani. Besonders Frauen werden dort ihrer Menschenrechte beraubt. Das kann Hassani nicht akzeptieren:„Frauen sind Menschen wie Männer. Mensch ist Mensch.“

Hassanis Vater war Arzt, deswegen konnte sich die fünfköpfige Familie die Flucht leisten. Kontakt zu halten, mit zum Beispiel ihrer Tante ist durch hohe Telefonkosten und die Angst davor, abgehört zu werden, kaum möglich. Seit der Machtübernahme darf ihre Tante das Haus nicht mehr verlassen.

Den Beschluss zu fliehen, haben Hassani und ihre Familie eher kurzfristig gefasst, sodass sie schon eine Woche später mit dem Auto Richtung Türkei fuhren. Dort angekommen bezahlten sie einen Schleuser, der sie bis zum Hafen in Athen bringen sollte. Die Gefahr bestand, dass Hassani von ihm vergewaltigt werden würde. Deshalb bedeckte sie ihr Gesicht mit Schlamm. „Ich habe mich hässlich gemacht“, sagt sie. Ihnen wurde im Voraus nicht gesagt, dass sie eine zweitägige Wanderung über acht schneebedeckte Berge machen müssten. Ohne warme Kleidung und ohne Essen. Einen Großteil der Wanderung musste Hassani ohne Schuhe zurücklegen: Sie hatte ihre eigenen der Großmutter gegeben.

Um nach Athen zu gelangen, stieg die Familie mit 60 weiteren Flüchtlingen in ein Schlauchboot. Hassani musste ihre kleine Schwester auf den Schoß nehmen. Um sie herum schwammen Leichen von anderen Geflüchteten. Um ihre kleine Schwester vor dem Trauma zu bewahren, hielt sie ihr die Augen zu.„Ich habe so viele tote Leute gesehen, vor allem Kinder“, erinnert sie sich. Nach und nach füllte sich das Boot immer weiter mit Wasser. Als sie in Athen ankamen, brach es schließlich in sich zusammen. Nach diesem Ereignis habe sie sehr viel geweint und tiefe Depressionen entwickelt. Trotzdem sei sie ein fester Anker in der Familie und schlüpfte besonders für ihre Geschwister - schon früh in eine Mutterrolle.„Ich bin 24 und fühle mich wie eine 70-Jährige.“ Hassani hat sich heute ein Leben in Deutschland aufgebaut. Sie verfasst nun nebenberuflich für „Tuenews International“ Zeitungsartikel. Diese sollen für Geflohene die Integration in das Leben in Deutschland erleichtern.

Von Lizzie Weber, Veronika Häcker, Anne Barthel und Hannah Löhr