Das Bezahlverhalten in Deutschland hat sich in den vergangenen 15 Jahren deutlich verändert. Zwar ist Bargeld weiterhin die am häufigsten genutzte Zahlungsform, doch sein Anteil am gesamten Umsatz sinkt stetig. Besonders der boomende Onlinehandel treibt den Trend zum bargeldlosen Bezahlen weiter voran. Laut einer Studie der Deutschen Bundesbank werden zwar noch etwas mehr als die Hälfte aller Transaktionen mit Münzen oder Scheinen bezahlt, gemessen am Umsatz macht Bargeld jedoch nur noch rund 26 Prozent aus.
Von dieser Entwicklung profitieren vor allem Zahlungsdienstleister, die digitale Überweisungen zwischen Kunden und Händlern ermöglichen. Der Markt wird bislang vor allem von US-Unternehmen dominiert. Dienste wie PayPal, Amazon Pay oder Google Pay wickeln weltweit Milliardenbeträge ab. Die Anbieter buchen das Geld direkt vom Konto der Kunden ab und leiten es an Händler weiter. Häufig bieten sie zusätzlich einen Käuferschutz an, der es ermöglicht, bei Problemen mit einer Lieferung das Geld zurückzuerhalten.
Gleichzeitig wächst jedoch die Kritik an diesen Diensten. Datenschützer und Verbraucherschützer warnen davor, dass Zahlungsdaten und persönliche Informationen von US-Behörden eingesehen oder für Marketingzwecke und Profilbildung genutzt werden könnten. Zudem besteht die Sorge, dass Daten an Dritte weitergegeben werden.
Unabhängiges europäisches Bezahlsystem mit europäischem Datenschutz
Vor diesem Hintergrund haben sich europäische Banken zusammengeschlossen, um eine eigene Alternative zu entwickeln. Das Ergebnis ist der Echtzeit-Bezahldienst Wero, der von der European Payments Initiative (EPI) entwickelt wurde. Insgesamt 16 europäische Banken und Finanzdienstleister sind an dem Projekt beteiligt, darunter große Institute wie die Deutsche Bank, die Sparkassen-Finanzgruppe und Volksbanken.
Wero ist ein Kunstwort, zusammengesetzt aus „We“ (= wir) und „Euro“. Ziel ist es, ein unabhängiges europäisches Zahlungssystem aufzubauen und mehr Unabhängigkeit von internationalen Anbietern zu erreichen. Wero nutzt dafür die bestehende Infrastruktur für Echtzeitüberweisungen. Ein wichtiger Unterschied zu vielen US-Diensten liegt im Umgang mit Daten. Da Wero von europäischen Banken betrieben wird, gelten die strengen Datenschutzregeln der Europäischen Union. Die Zahlungsdaten verlassen den europäischen Raum nicht. Darüber hinaus soll Wero grenzüberschreitende Zahlungen innerhalb Europas erleichtern.
Der Dienst ist zunächst in Deutschland, Frankreich und Belgien gestartet. In Zukunft sollen weitere Länder wie die Niederlande und Luxemburg hinzukommen. Ziel ist es, eine europaweit nutzbare Plattform zu schaffen.
Geld von Handy zu Handy senden
Im Mittelpunkt steht eine Wallet-Lösung, über die Nutzer künftig verschiedene Zahlungsarten abwickeln können. Wero ist bei vielen Instituten, etwa bei Sparkassen, Volksbanken oder der ING, bereits in die Online-Banking-Anwendungen eingebaut und teilweise sogar vorinstalliert.
Zunächst ist der Dienst mit Person-to-Person-Zahlungen gestartet. Dabei können Privatpersonen Geld direkt von Smartphone zu Smartphone überweisen, etwa um gemeinsame Restaurantrechnungen zu teilen oder Schulden unter Freunden zu begleichen.
Bei den beiden größten Banken im Landkreis, der Kreissparkasse Tübingen und der Volksbank in der Region, funktioniert Wero direkt aus der Banking-App heraus. Man ist überzeugt, dass sich Wero zur beliebtesten Bezahlplattform Europas entwickeln wird. Denn Rückmeldungen der Kunden zeigten bereits, dass diese die schnelle Registrierung und einfache Handhabung schätzen.
„Ein weiterer Vorteil von Wero liegt außerdem in der Geschwindigkeit der Transaktionen. Geld kann innerhalb von etwa zehn Sekunden gesendet oder empfangen werden und wird direkt auf dem Bankkonto gutgeschrieben. Ein zwischengeschaltetes Konto ist nicht notwendig“, sagt Frank Stelzenmüller, Ansprechpartner für Wero bei der Kreissparkasse Tübingen. Für die Überweisung reicht es aus, den Empfänger aus den im Smartphone gespeicherten Kontakten auszuwählen. Die sonst übliche Eingabe der 22-stelligen IBAN entfällt.
Onlinezahlungen und im stationären Handel
„Langfristig soll der Dienst deutlich mehr Funktionen bieten. Diese werden direkt in die bestehenden Banking-Apps der teilnehmenden Banken integriert.
Gestartet sind unter anderem Onlinezahlungen bei Händlern, Bezahlungen im Geschäft und Rechnungen via QR-Code. Geplant ist die Verwaltung wiederkehrender Zahlungen, etwa für Abonnements“, erklärt die Volksbank in der Region. Auch zusätzliche Services wie Kundenbindungsprogramme, Ratenzahlungen oder das Prinzip „Buy now - pay later“ sind vorgesehen.
Verbraucherzentrale sieht Potenzial
Die Verbraucherzentrale sieht in dem Projekt Potenzial. In einer Stellungnahme heißt es, Wero könne ein erster Schritt zu einem eigenständigen europäischen Zahlungsverkehrsmarkt sein. Voraussetzung sei jedoch, dass der Dienst schnell umfassende Funktionen zu wettbewerbsfähigen Konditionen anbietet.