Anzeige

Moment der Seligkeit: Wenn ein Redakteur von Musdorf träumt. Foto: Marlies Unbehauen

19.10.2021
Wilhelm Stahl GmbH

Mancher Albtraum packt uns dieser Tage erst nach dem Aufwachen. Umso wichtiger ist die Erkenntnis: Es ist ein Leuchten in der Welt. 
    

Wir Zentralhohenloher haben schlimme Entzugserscheinungen. Ich habe schlimme Entzugserscheinungen: Des Nachts schrecke ich hoch, in freudiger Verwirrung, und es murmelt aus mir heraus: „A Schlachtplatte, a Halwi und firr mei Klaani doahonne Spätzli mit Soß‘, bittschäe.“ Aber: keine Bedienung, keine Antwort, keine Muswiese. Nichts. Nur meine schlafende Frau neben, mein schweigender Schrank vor und die plötzliche Erkenntnis in mir, dass schon zwei Jahre keine Muswiese mehr war und noch ein Jahr keine Muswiese sein wird. Schweißausbruch, Panikherz, Seelenkatarrh.

Weder Frau noch Schrank können jetzt und später etwas für mich tun, nicht hier in der Dunkelheit, nicht morgen am Tag, wenn der Schweiß getrocknet, aber die Seele noch immer verrotzt ist. Frau und Schrank haben kein Kraut für mich gehobelt und keine Wursthaut für mich gefüllt, sie haben kein Fass angestochen. Warum auch? Es gibt ja nichts zu feiern. In besagtem Schrank liegen zwar Strümpfe und es hängt da auch eine Pinea­Jacke, drunten in der Küche stehen zwar Gewürze, ja sie düfteln gar muswiesig vor sich hin, ich könnte mir jetzt auf den Schrecken einen Asbach­-Cola einschenken – aber was soll das alles ohne die Gassen und die Massen, die „Sous“ und die „Bischs“, die „Ahs“, die „Wengs“ und die „Doas“, die Rinder, die Kutteln, die Unterhosen, die Bulldogs, die Bauern, die Begegnungen?

Daheim, ohne Muswiese, schmeckt das Bier schal und das Leben prickelt nicht – abgesehen von diesem kurzen Moment in der Nacht, wenn der Traum mich wieder in die Wirtschaft führt. Müssen wir verzweifelt sein? Nein, nein, nicht ständig jedenfalls. Diese Zeitungsbeilage soll ein kleines Licht sein, das in der viel zu langen Muswiesen­-Nacht angeknipst wird. So wenden wir uns auf den nächsten Seiten der virtuellen Version des Jahrmarkts zu, die auch heuer ein kleines Trostpflaster ist, blicken voraus auf die Musdorfer Markttage in zwei Wochen, auf denen wir manchen liebgewonnenen Händler wiedersehen, und wir kündigen an: Wer die Tage bis zur nächsten Muswiese herunterzählen will, der kann das mithilfe eines Abreißkalenders tun.

So soll ab sofort die 3V-­Regel gelten: Aus Verzweiflung wird Vergnügen wird Vorfreude. Da ist nämlich ein Leuchten in der Welt, liebe Leser – die Aussicht auf den 8. Oktober 2022.

Viel Freude bei der Lektüre!
Ihr Sebastian Unbehauen
Redakteur