Wolpertshausen. Die Vorbereitungen laufen schon lange, doch am morgigen Sonntag, 1. Dezember, wird’s endlich wahr: Zwischen 13 und 18 Uhr dürften wieder einige Hundert Besucher über den Cröffelbacher Weihnachtsmarkt schlendern. Beim Bummeln, Glühweintrinken, beim Essen im Dorfgemeinschaftshaus oder beim Stöbern auf dem Markt treffen sich die Besucher. Das berichtet Carola Ternes, die schräg gegenüber dem Dorfgemeinschaftshaus, dem früheren Armenhaus des Dorfes, wohnt.

Bei Carola Ternes und ihren Eltern Norbert und Helga Fleischmann laufen viele Fäden zusammen. Sie alle bringen sich beim Weihnachtsmarkt ein. „Das hat sich so ergeben“, sagt Carola Ternes und lacht. Irgendwann habe ihr Vater, Norbert Fleischmann, angefangen, Holzarbeiten wie etwa „Vesperbrettle“ oder „Schaukelpferdle“ für den Markt zu machen. Gut angenommen werden auch die Liköre, die ihre Mutter, Helga Fleischmann herstellt. Süffige Getränke aus Äpfeln, Blutwurz, Bratapfel, oder Kirschen. Die nächste Generation ist ebenfalls dabei: Die 20-jährige Tochter Tamara Ternes bietet selbst gemachte gebrannte Mandeln an und verkauft Deko-Artikel für den Garten. sel


Filmstudio neben dem Kuhstall

Neig’schmeckt: Julian Appelt stammt ursprünglich aus Bayern. In seiner neuen Heimat Wolpertshausen hat er sich bestens eingelebt und gestaltet als Gemeinderat bereits fleißig mit.

Julian Appelt im Hof seines Zuhauses, dem Weirichhof, wo der gebürtige Bayer vor drei Jahren hingezogen ist.  Foto: Sonja Alexa Vollmann
Julian Appelt im Hof seines Zuhauses, dem Weirichhof, wo der gebürtige Bayer vor drei Jahren hingezogen ist.  Foto: Sonja Alexa Vollmann

Von Sonja Alexa Vollmann

In einer kleinen Seitenstraße von Wolpertshausen steht ein stillgelegter Bauernhof, der Weirichhof. Hinter der Scheune wurde eine Autowerkstatt angebaut und was dort passiert, mag für viele eine kuriose Sache sein. Julian Appelt verdient in diesem Raum sein Geld, nicht wie es naheläge, mit dem Reparieren von Autos, sondern, indem er Filme darüber dreht. Diese werden auf dem Internetkanal Youtube rund eine Million Mal pro Monat angeklickt. Von Werbung und Sponsoring lebt der Kfz-Meister, der sich nun treffender „Youtuber“ oder „Influencer“ nennen müsste.   

Warum der Bayer, der in Starnberg aufwuchs und einige Jahre in München verbrachte, in Wolpertshausen gelandet ist, hat eine Vorgeschichte: Mit dem Filmen von Reparaturen begann Appelt schon während seiner Zeit in München. Er lebt mit einem Freund in einer Wohngemeinschaft. Dass die beiden damit Geld verdienen könnten, hat sie selbst überrascht. Sie machten weiter, obwohl Appelt nach Würzburg auf die Meisterschule ging. Von dort aus baute er seine Verbindung nach Wolpertshausen auf. Er lernte nämlich seine zukünftige Frau Melissa Leinmüller, eine Geografiestudentin aus dem Hohenloher Ort kennen. Die Entscheidung für den gemeinsamen Wohnort war schnell gefallen: Im Jahr 2016 zog das Paar in das große Haus von Melissa Leinmüllers Großvater. Dort leben sie seither wie in einer Mehrgenerationen-WG. Denn mittlerweile ist Tochter Ida auf der Welt.
    

Regionalmarkt Hohenlohe

„Die Wolpertshausener sind offen und humorvoll“, findet Julian Appelt, der sich in Hohenlohe sehr wohlfühlt. Um in seiner neuen Heimat Anschluss zu finden, trat der 27-Jährige in die Feuerwehr ein und fühlte sich im Nu im Ort integriert. Als er für die Floriansjünger bei einer Gemeinderatssitzung teilnahm, war ihm klar, dass er gerne in seinem Umfeld etwas bewirken möchte. „Nicht meckern, machen!“ ist sein Motto. Frischen, jungen Wind, das könnte der Gemeinderat brauchen, dachte er sich und eröffnete in letzter Minute noch eine Liste mit dem Titel „Junge Leute“ für die Gemeinderatswahl. Der Bürgermeister räumte ihm, als Unbekannten im Ort, wenig Chancen ein. Das spornte den Neubürger erst recht an. Er sammelte die notwendigen 20 Unterschriften für die Liste und hing motiviert Wahlplakate auf.

Geworben hat er für sich vor allem mit den Bestrebungen, für schnelles Internet in den Teilorten und für mehr Familienfreundlichkeit, vor allem für das Erneuern der Spielplätze. Außerdem zeigte er ein Herz für die verschiedenen Belange der Landwirte und der örtlichen Vereine. 600 Stimmen brachte ihm das. Er wurde gewählt.

Zeit für die Belange der Gemeinde erlaubt ihm sein ungewöhnlicher Beruf. Eine Woche im Monat dreht er mit seinem Geschäftspartner und ehemaligen Mitbewohner Max einige Filme, sodass die Fans monatlich vier neue Reparatur-Tutorials zu sehen bekommen. In Wolpertshausen kenne man ihn kaum als Youtuber, aber wenn er in Crailsheim in die Disco geht, dann sprechen ihn die jungen Leute an, meint er schmunzelnd.

187 000 Abonnenten hat sein Kanal. Gedreht hat er bereits für die Zeitschrift „Auto Motor und Sport“ und für die Sendung „Operation Auto“ auf Sport1 – alles im Werkstatt-Filmstudio in Wolpertshausen hinter der Scheune. Manchmal muht eine Kuh vom Nachbarn in die Aufnahmen. Etliche Fahrzeuge stehen noch in der Scheune, die demnächst vor laufender Kamera repariert werden. Der Opa hat sich übrigens am Anfang über den Beruf von Julian Appelt gewundert. „Aber mittlerweile schaut er sich jeden einzelnen Film mehrmals an“, erzählt Melissa Appelt lachend und auch ihr Mann grinst.


Wie ein Sechser im Lotto

Heimat: Der Zufall hat das Paar Dagmar Fix und Dr. Andreas Nickel nach Wolpertshausen geführt.

Andreas Nickel und Dagmar Fix genießen die Nähe zur Natur. Als Mitglieder des Imkervereins haben sie in ihrem Garten auch ein Bienenvolk stehen.  Foto: Ufuk Arslan
Andreas Nickel und Dagmar Fix genießen die Nähe zur Natur. Als Mitglieder des Imkervereins haben sie in ihrem Garten auch ein Bienenvolk stehen.  Foto: Ufuk Arslan

Von Elisabeth Schweikert

Sommer 2011: In der Gemeinde Wolpertshausen wird mit Beginn der Sommerferien die Cröffelbaher Steige gesperrt. Die Fahrbahn ist in schlechtem Zustand, da sie auch als Ausweichstrecke dient, wenn es auf der A 6 Unfälle gibt. Für rund 900 000 Euro soll die Landesstraße während der nächsten sechs Wochen saniert werden. Es werden schließlich rund zwölf Wochen Bauzeit und die Kosten erhöhen sich auf einen siebenstelligen Betrag. Denn der Untergrund ist klüftig. Es ist nicht möglich, die Stützmauern und Anker wie geplant zu setzen. Während der Ochsenwirt in Cröffelbach in diesen Wochen über dramatischen Umsatzeinbruch klagt, findet – gerade wegen dieser Umleitung – Dagmar Fix das Stückchen Erde, das ihre Heimat und die ihres Mannes Andreas Nickel werden soll.

Vom Bus aus entdeckt

Die damals 46-Jährige saß im Schnellbus Crailsheim-Schwäbisch Hall. Dieser fährt eine Umleitung über Hopfach. „Ich hab’ rausgeschaut. Es lag Nebel im Tal. Zwei Rehe standen auf der Wiese. Wundervolle Natur. Und als ich auf das Baugebiet am Rand von Wolpertshausen schaute, fragte ich mich: Wieso ist da noch so eine Lücke? Es gibt doch Bauzwang. Lange dürfen diese Flächen normalerweise nicht unbebaut bleiben.“

Seit einiger Zeit waren die Bankkauffrau, die täglich von Crailsheim zur Haller Bausparkasse pendelte, und Andreas Nickel, ein promovierter Physiker, der bei SAP in Walldorf arbeitet, zusammen. Nun hatten sie den Wunsch, gemeinsam ein Haus zu bauen. Doch wo? Nickels Votum galt dem Rhein-Neckar-Gebiet. Fast hatte er auch Dagmar Fix überzeugt, sie hielt dort bereits nach einem Job Ausschau. Aber nach dem Blick aus dem Busfenster stellten sich die Weichen neu. Dagmar Fix telefonierte mit dem Rathaus Wolpertshausen. Und siehe da: Der Bauplatz war gerade frei geworden.

Das Paar besichtigte ihn am Wochenende – und fühlte sich gleich heimisch. „Auf der Straße kamen uns Kinder entgegen und grüßten“, freut sich Fix noch heute. „In Crailsheim war alles so anonym.“ Und die Natur liegt in Wolpertshausen direkt vor der Haustüre. „Wir machen viel Sport, radeln und laufen regelmäßig.“ Die Entscheidung für den Bauplatz fiel schnell. Schon am darauffolgenden Montag sagten sie im Rathaus zu. „Wolpertshausen ist für uns ein Sechser im Lotto“, stellt Dagmar Fix fest. „Ich bin in Gröningen aufgewachsen und somit ein Landmensch. Schon als Kind träumte ich davon, einmal ein Grundstück mit einem großen Garten zu haben.“

Mehr Gestaltungsfreiraum

Auf die handfesten Argumente weist Andreas Nickel hin: „In Walldorf kostet ein Grundstück grob das Zehnfache. Und man bekommt nur einen kleinen Garten. Da hat man keinen Gestaltungsspielraum. Hier in Wolpertshausen ist der Bebauungsplan zudem viel großzügiger ausgelegt. Ein Haus ist die größte Investition im Leben. Da möchte ich mir nicht alles vorschreiben lassen.“

Seit gut fünf Jahren lebt das Paar nun in Wolpertshausen und ist in die Dorfgemeinschaft eingebunden. Sie sind Gründungsmitglied beim Verein „Wolpis 0 bis 100“. „Die Idee, sich gegenseitig zu unterstützen, finde ich gut“, erklärt Dagmar Fix. Zudem sind beide Mitglied im Imkerverein. In ihrem Garten haben sie derzeit ein Bienenvolk stehen.

Außerdem engagiert sich Andreas Nickel ehrenamtlich an der Grundschule. Er lehrt die Viertklässler programmieren. Seinen Arbeitsplatz hat der 48-Jährige zwar nach wie vor bei SAP in Walldorf. Das Unternehmen ermöglicht es ihm aber, auch von zu Hause aus zu arbeiten. So genießt er beides: die Angebote und Möglichkeiten eines Industrieund Kulturzentrums und die Ruhe eines heimeligen Lebens auf dem Land.