Aus den Kriegstrümmern 1945 wurde nicht nur die Stadt Reutlingen wieder aufgebaut, auch die Württembergische Philharmonie Reutlingen (WPR) wurde aus der Taufe gehoben: Als Zeugnis von Zivilisation und Bekenntnis gegen Barbarei, als Zeichen der Hoffnung und Perspektive für die Zukunft.

Die WPR feiert 2020 ihr 75-jähriges Bestehen deshalb auch im Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs und im Bewusstsein der Relevanz von Kultur für ein zivilisiertes gesellschaftliches Miteinander sowie der Kraft der Versöhnung, die Musik bewirken kann.

Drei Auftragswerke international renommierter Komponisten hat das Orchester bestellt, von denen das erste gleich in den beiden Neujahrskonzerten zu erleben ist, die das Jubiläumsjahr am Sonntag, 12. Januar, um 17 Uhr und Montag, 13. Januar, um 20 Uhr einläuten.

Das Konzert am 12. Januar ist Teil eines Festakts, bei dem neben WPR-Intendant Cornelius Grube auch Oberbürgermeister und WPR-Stiftungsratsvorsitzender Thomas Keck sowie Petra Olschowski, Staatssekretärin im Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst, sprechen werden. Auf dem Programm der von Chefdirigent Fawzi Haimor geleiteten Konzerte stehen die Uraufführung des Auftragswerks „Ice, Wind, War & Spring“ des syrisch-amerikanischen Komponisten Kareem Roustom und die 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven.

Stephan Boehme hat für das Jubiläum eine audiovisuelle Fantasie für zwei Klaviere und großes Orchester komponiert. Foto: Privat
Stephan Boehme hat für das Jubiläum eine audiovisuelle Fantasie für zwei Klaviere und großes Orchester komponiert. Foto: Privat

Das zweite Auftragswerk ist das „Reutlingerischste“ der drei Neuschöpfungen und wird am 19. Oktober aus der Taufe gehoben. Dies geschieht innerhalb eines Programms, das der Entstehungsgeschichte des Orchester mit einer Durch-Nacht-zum-Licht-Dramaturgie Rechnung trägt und eng mit der Stadtgeschichte verbunden ist.

Es handelt sich um eine audiovisuelle Fantasie für zwei Klaviere und großes Orchester des Reutlinger Komponisten und Filmemachers Stephan Boehme, die dieser dem aus der Region stammenden Klavierduo GrauSchumacher auf den Leib schreibt. Das mit „Aries“ – lateinisch für „Sturmbock“ – betitelte Werk nimmt Bezug auf den gleichnamigen Holzschnitt von HAP Grieshaber, der nach dem Wiederaufbau des Reutlinger Rathauses seit 1966 dort im Foyer hängt und 13 Motive aus der Stadtgeschichte zeigt. Der historische Sturmbock war zur Erinnerung an die geglückte Abwehr einer Belagerung im 13. Jahrhundert erst an die Marienkiche, später ins Renaissance-Rathaus verbracht worden, „damit er in der Nachkommenden Gedächtnuß nicht verfiele“. Dort wurde er 1726 zusammen mit dem historischen Rathaus ein Opfer des großen Stadtbrands.

Den Auftakt des Konzertprogramms bildet das „Mahnmal für Lidice“ von Bohuslav Martinu, komponiert nachdem die Nationalsozialisten 1942 das Dorf Lidice überfallen, niedergebrannt und ein Massaker angerichtet hatten. Auf dem Höhepunkt kurz vor dem überraschend tröstlichen Ende ertönt darin das „Schicksalsmotiv“ aus Beethovens Fünfter, dem musikalischen Symbol der Aufklärung schlechthin, das das Programm beschließt und vom düster umwölkten c-Moll in strahlend erleuchtetes C-Dur führt. Die Leitung hat Fawzi Haimor.

Im Vorfeld der Uraufführung gibt es am Samstag, 17. Oktober, einen kostenlosen „Entdeckerabend“ im WPR-Studio, bei dem in einer öffentlichen Probe der Komponist über sein Werk spricht.

Am 16. November ist dann schließlich die dritte Welturaufführung zu erleben. Hierfür wurde der türkische Pianist und Komponist Fazil Say engagiert, der auch als Solist in einem Mozart-Klavierkonzert zu hören sein wird. Say ist bekannt als musikalischer Brückenbauer zwischen Ost und West und war in Reutlingen unter anderem mit seiner berühmt gewordenen üppig instrumentierten Istanbul Symphony zu hören. Die Leitung bei diesem Konzert hat Ola Rudner, ehemaliger Chefdirigent der WPR.

Um ihre Verbundenheit mit der Stadt und ihren Bürgern zum Ausdruck zu bringen hat die WPR im Juli zudem zwei kostenlose Serenadenkonzerte anberaumt: Am 18. Juli wird es eine Bläserserenade im Garten des Heimatmuseums geben, am 25. Juli schließlich ein Serenadenkonzert am Weibermarkt. pr/Stefanie Eberhardt