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Sou, bisch trotzdemm doa? - Muswiesen-Sonderbeilage 2021 Musdorfer Markttage 2021: Nüchtern wie ein Sargnagel

  

Ein Prosit: Kein dünnes Radler, sondern hochprozentiger Schnaps wurde im Jahr 1949 an der „Fahrradwache“ der Muswiese eingeschenkt. Foto: Seiferheld/Sammlung Walch

18.10.2021

Bei den Musdorfer Markttagen vom 22. bis zum 24. Oktober herrscht ein striktes Alkoholverbot. Vor 180 Jahren kämpfen Seelsorger vehement gegen die exzessiven „Schnaps-Schlemmereyen“ ihrer Schäflein auf der Muswiese. Und schon vor 130 Jahren gibt es keine Musik auf dem Jahrmarkt.

So langsam hat es sich herumgesprochen: Die Musdorfer Markttage sind kein Ersatz für die ohnehin unersetzliche Muswiese. Vielmehr will es die Gemeinde rund 100 Markthändlern in finanziell überaus düsteren Corona-Zeiten ermöglichen, auf dem altehrwürdigen Areal rings um die Michaelskirche ihre Waren feilzubieten.

Beim Gang durch die Budengassen muss kein Besucher Kohldampf schieben: Diverse Imbiss-Stände stärken Leib und Seele der Hohenloher, die schon zum zweiten Mal auf ihr geliebtes Nationalfest verzichten müssen. In Sachen Durst wird es aber nüchtern wie ein Sargnagel zugehen: Auf dem Marktgelände herrscht ein striktes Alkoholverbot. Und mit dem Saisonende bei der Pressler’schen Gartenwirtschaft ist für die Freunde von Bier, Schnaps und Wein auch noch die letzte Hoffnung auf beschwingte Stunden in Musdorf zerstoben.

Ein aberwinzig kleines Virus sorgt also dafür, dass zumindest in diesem Jahr in Erfüllung geht, wofür sich vor gut 180 Jahren ganze Legionen von hohenlohischen Pfarrern in der Sorge um das sittliche Wohl ihrer Schäfchen verkämpft haben. Den Seelsorgern war nämlich der Alkoholkonsum auf der Muswiese ein gewaltiger Dorn im Auge.

Die geistlichen Herren des „Diözesanvereins“ (in etwa vergleichbar mit dem heutigen Kirchenbezirk) beklagten sich seinerzeit nicht nur lauthals über den nur äußerst schwach ausgeprägten Drang ihrer Schäflein zum Kirchgang in Musdorf. Vielmehr war den Seelsorgern die gesamte Muswiese mit ihrem lebenslustigen Treiben ein einziger Graus.

Schon aus dem Jahre 1839 ist in einschlägigen Protokollen des kirchlichen Gremiums ein flammender Protest gegen die „Exzesse“ auf dem Jahrmarkt überliefert. Darin heißt es zum Beispiel: „Jungen und Mädchen singen unter betäubendem Vieltrinken wild schreyend höchst unsittliche Lieder – durch welches Alles und noch Weiteres, was man nicht aussprechen mag, wohlgesinnte und wohlgesittete Vorübergehende beleidigt und geärgert werden.“ Und wenn die damaligen Muswiesengribbl dann wieder ihren Heimatorten zustreben, „überlassen sie sich auf dem Wege und in den Orten, wo sie noch fortzechen, dem ausschweifendsten und zügellosestem Muthwillen“, wie es die geistlichen Herren formulierten. In derartigen „Schnaps-Schlemmereyen“ sah übrigens auch der Gerabronner Oberamtsarzt die Ursache für „im Rausch erzeugte Cretinen“.


"Das kirchliche Dauerfeuer gegen den Alkohol zeigte schließlich Wirkung."


Mehrere Pfarrer überzeugten sich einige Jahre später höchstselbst vor Ort von dem Musdorfer Lotterleben. In einem Schreiben an das Königliche Oberamt zu Gerabronn heißt es voller Entrüstung: „Da war besonders gegen Abend vor den Schnapsbuden ein Toben, Lärmen, Juchzen und Taumeln, als ob Bachanalien gefeiert wurden – ein Unfug, der jeden Gesitteten mit Abscheu erfüllte und entrüstete. Nicht nur die ledigen Purschen taumelten betrunken vor denselben herum, sondern auch die Mädchen, welche sich schamlos hin- und herziehen ließen, befanden sich zum Theil in diesem Zustande. Ein Kaufmann, in dessen Glaubwürdigkeit kein Zweifel zu setzen ist, war Augenzeuge, wie eine Weibsperson zehn Gläser nacheinander explenierte.“

Das kirchliche Dauerfeuer gegen den Alkohol und hier vor allem gegen ein seinerzeit überaus beliebtes Getränk namens „Rosoli“ (eine Mischung aus Branntwein, Rotwein und Zucker) zeigte schließlich Wirkung: Anno 1840 schränkte das Gerabronner Oberamt die Konzessionen für den Schnaps- und Likörverkauf auf der Muswiese stark ein, die einschlägigen Buden mussten schon um 19 Uhr ihre Klappen herunterlassen und in den stationären Wirtschaften war um 22 Uhr Zapfenstreich.

Kein Pfarrer wettert mehr

Kein einziger Pfarrer wettert heutzutage mehr von der Kanzel herab gegen die Muswiese. Ganz im Gegenteil: Die örtliche Kirchengemeinde und viele kirchlichen Gruppen nutzen die Gunst des großen Publikums in Musdorf für ihre Botschaften und Aktionen rings um die Michaelskirche. Nur wenn es ganz heftig kommt, regen sich dann doch noch die hohenlohischen Gesetze des Anstandes: Vor genau zehn Jahren sorgte in der Reithalle das freizügige Kostüm eines durchaus ansehnlichen Mannsbildes für Furore. Von vorne glich er einem seriösen katholischen Priester mitsamt Gebetbuch. Auf seiner Hinterseite aber herrschte schier völlige Nacktheit: Nur ein knappes Höschen samt Strapsen und einige Bändchen bedeckten die knackige Blöße. Ein Gast fühlte sich von dieser Offenheit aber gestört und beschwerte sich bei der Polizei. Die Muswiesen-Wache fand eine weise Lösung für das Textil-Problem: Einfach ein Mäntelchen drüber – und der Mann konnte sich wieder in seine persönliche Love-Parade stürzen.

Seltsam stille Muswiese

Und noch auf ein weiteres, wesentliches Element der Muswiese, das vor allem für die jüngere Generation eine durchaus große Rolle spielt, muss bei den Musdorfer Markttagen verzichtet werden: Keine einzige Band wird ihre Verstärker aufdrehen, kein Musikant wird aufspielen. Aber auch eine solche Einschränkung gab es schon einmal – und zwar vor genau 130 Jahren: Am 6. Oktober 1891 starb der württembergische König Karl wenige Tage vor der damaligen Muswiese. Die Ministerien in Stuttgart verhängten für die viermonatige (!) „Landestrauer“ um den Monarchen ein Verbot von jeglicher „öffentlicher Lustbarkeit mit Musik“. Erlaubt war nur das Orgelspiel in der Kirche.

Es muss also eine seltsam stille Muswiese in diesem Jahr gewesen sein – wobei das Verbot offenbar auch seine guten Seiten hatte. Denn in einem Nachbericht der damaligen Lokalzeitung „Der Vaterlandsfreund“ heißt es: „Wer bisher mit ermüdetem Haupt von der Messe abzugehen gewohnt war, konnte diesmal mit Gemüthlichkeit, ohne das unerträgliche, bedeutende Lärmen, seine Einkäufe besorgen und zechen.“ Harald Zigan