Wer einen Handwerksbetrieb gründen will, muss in Deutschland für viele Bereiche einen Meisterbrief vorweisen können. Dies ist per Gesetz zur Ordnung des Handwerks seit 1953 festgelegt. Bereits im Mittelalter herrschten Marktzugangsbeschränkungen. Die Meisterprüfung wurde als der „große Befähigungsnachweis“ gesetzlich festgeschrieben, um einen eigenen Handwerksbetrieb zu eröffnen. Schrittweise gab es jedoch einige Lockerungen, bis 2004 die wichtigste Änderung in Kraft trat. Unter dem Druck der steigenden Arbeitslosigkeit reduzierte die rot-grüne Bundesregierung die Zahl der meisterpflichtigen Handwerksberufe von 94 auf 41. Seit Anfang 2020 gelten nun aber wieder für zwölf Gewerke die Meisterpflicht. Dies bedeutet, dass sich Kunden und Auftraggeber auf das ausgewiesene Qualitätsmerkmal des Meisterbriefes verlassen dürfen. Ein hohes Niveau an fachlicher Kompetenz und handwerkliches Können ist damit garantiert.
Kein Relikt aus dem Mittelalter
Meister sind mit ihrer Erfahrung und Wissen oft Vorreiter bei der Einführung neuer Methoden und bewahren gleichzeitig traditionelle Techniken bei. Zudem übernehmen Meisterbetriebe die wertvolle Verantwortung, durch eine solide Berufsausbildung, die sie den Lehrlingen bieten, für den Nachwuchs zu sorgen. Damit ist also dieses offizielle Zertifikat keinesfalls ein Relikt aus dem Mittelalter, sondern gilt auch heute noch als ein wertvoller Nachweis für fundiertes Fachwissen, berufliche Fähigkeiten und Führungskompetenzen, sowie ein funktionierendes Ausbildungswesen.
Die deutsche Meisterprüfung ist in vielen Staaten bekannt und Handwerksmeister deutsche sind weltweit gefragte Experten. Innerhalb der EU hat die Meisterqualifikation im Rahmen der EU-Berufsanerkennungsrichtlinie eine angemessene Berücksichtigung erfahren. Deutsche Handwerksmeister können damit in der Regel ohne Probleme in der gesamten EU tätig werden. Welche Bedeutung der Meistertitel noch heute hat, haben Forscher in zwei Studien beschrieben: Eine beschäftigt sich mit den Auswirkungen der Marktöffnung auf die Wirtschaft, die andere mit dem Online-Vertrieb handwerklicher Dienstleistungen auf der Plattform MyHammer. Beide Studien wurden vom Volkswirtschaftlichen Institut für Mittelstand und Handwerk (ifh) an der Universität Göttingen herausgegeben und besagen, dass sich Meisterbetriebe länger am Markt behaupten können, mehr Aufträge bekommen und ihre Arbeit von Kunden besser bewertet würden.
Die Studie der ifh beschäftigte sich außerdem mit der Frage, ob es sinnvolle Alternativen zum Meisterbrief gäbe. Die Wissenschaftler kamen dabei zur Erkenntnis, dass eine Deregulierung nicht etwa die Meisterbetriebe treffen würde. Vielmehr seien die Verbraucher im Nachteil, weil diese ohne die verbindliche Qualifikationsnorm der Meisterprüfung die Güte handwerklicher Arbeit nicht mehr sicher einschätzen könnten. Sie liefen leichter als bisher Gefahr, Leistungen mit versteckten Mängeln zu erhalten. Mit abnehmender Qualität steige daher das Risiko der Verbrauchergefährdung. Schon die höhere Wahrscheinlichkeit, vertraglich vereinbarte Leistungen auf juristischem Weg einfordern zu müssen, gehe ausschließlich zu Lasten der Konsumenten.
Anhand einer Beispielkonstellation aus dem Dachdeckerhandwerk beschreibt die Studie ein größeres gesundheitliches Risiko für den Kunden, das zu einer Verschlechterung seiner Position gegenüber dem Istzustand führen würde, ist in der Studie zu erfahren. Die Idee, Handwerksqualität alternativ durch ein Zertifizierungssystem zu gewährleisten, kann die Sicherheit der Konsumenten nicht im bisherigen Maß ermöglichen, belegen die Autoren der Studie. Denn der Informationsgehalt der Zertifikate wäre nur schwer zu bewerten. Sich einander ähnelnde Zertifikate könnten leicht zu Verwechslungen führen, was der Unsicherheit und die Verwirrungen der Kunden Vorschub leistete. Außerdem müssten Konsumenten selbst die Zertifikatsaussagen verifizieren, was Aufwand und Kosten auf Kundenseite erhöhte.
Von Andreas Brücken