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Die Unicorns-Saison Rückblick Dresden Monarchs: „Wir haben so oft gegen Haller Unicorns verloren, jetzt sind wir mal dran!“

German Bowl: Das Finale um die deutsche American-Football-Meisterschaft zwischen den Schwäbisch Hall Unicorns und den Dresden Monarchs liefert viele Geschichten und Eindrücke auch abseits des Platzes. So gibt es schon vor Kickoff optimistische Monarchs-Fans, eine nicht wirklich passende Werbung, ein Maskottchen, das sich zum Polizeiorchester gesellt und die Frage, was mit dem Siegerpokal ab 2025 passiert.

Er wäre sehr gerne bei seinen Teamkollegen gestanden: Der gerade am Kreuzband operierte John Santiago erlebt im Rollstuhl die Nationalhymne beim German Bowl. Foto: Hartmut Ruffer

14.10.2021

Schon früh waren manche Fans zum German Bowl angereist. Auf dem Waldparkplatz in unmittelbarer Nähe des Deutsche Bank Park standen schon mehr als drei Stunden vor dem Kickoff einige Autos, mehrheitlich aus dem süddeutschen Raum. Die Stadiontore waren noch gar nicht geöffnet, und so standen einige um den Getränkestand beim Parkplatz, viele in voller Fan-Montur.

Ein Gesprächsthema waren die Eintrittspreise. Offiziell starteten diese bei 22 Euro, doch steigerte sich der Preis je nach Kategorie auf bis zu 82 Euro. Schon in der Vergangenheit waren die Karten beim German Bowl nicht günstig. Was den Fans allerdings aufstieß, war die Tatsache, dass diesmal wenig „Drumrum“ geboten wurde. Beziehungsweise geboten werden konnte. Wegen der Pandemieauflagen gab es diesmal keine Fanmeile auf dem Stadion-Vorplatz. Standen dort vor zwei Jahren beispielsweise besondere US-Autos und viele Stände, gab es 2021 so gut wie nichts. Deswegen hätten sich viele Anhänger reduzierte Eintrittspreise gewünscht. Immerhin durften jugendliche Footballer günstig zum German Bowl. Es gab das Angebot für alle Jugendteams in Deutschland, das die Nachwuchsfootballer für 2,50 Euro ihre Karte erhielten. „Wir haben rund 100 abgenommen“, berichtete Jürgen Gehrke, der Vorsitzende der Unicorns. Beim Blick ins Stadion war festzustellen, dass nicht viele Vereine das Angebot zu nutzen schienen. Letztlich mussten die Unicorns nur die Busreise organisieren und finanzieren. der baden- württembergische Landesverband übernahm die Kosten für die Tickets der Jugendlichen.

Gengenbach

Alleine schon deswegen und wegen der reduzierten Zuschauerzahl war die Stimmung nicht so fröhlich wie vor zwei Jahren, aber dennoch gut. Das hatte auch mit dem Finalgegner der Schwäbisch Hall Unicorns zu tun. Die Dresden Mo narchs standen erstmals seit 2013 wieder im German Bowl. Die Sehnsucht nach dem ersten Titel war riesig. Das war in den Gesprächen mit den Monarchs-Anhängern deutlich zu bemerken. Fast immer war die Kernaussage die gleiche: „Wir haben so oft gegen Hall verloren, jetzt sind wir mal dran.“ Zumal die Stimmung rund um die Monarchs während der Saison so gut wie wohl noch nie war. Headcoach Ulrich „Ulz“ Däuber unterstrich das auch nach dem Finale. „Die ganze Saison über gab es dieses Gefühl, dass wir es diesmal wirklich packen können.“ Das erklärt auch die durchaus offensiv vorgetragene Sichtweise des Dresdner Quarterbacks KJ Carta-Samuels. Im Gespräch mit touchdown24.de meinte er vor dem Endspiel: „Ich glaube nicht, dass uns jemand stoppen kann.“ Bis zum Beginn der zweiten Halbzeit sah es so aus, als ob die Haller es doch täten, aber letztlich behielt der US-Amerikaner Recht.

Im Stadion selbst war bis kurz vor Kickoff wenig los, viele Fans genossen die Sonnenstrahlen auf dem Vorplatz. Bereits im Vorprogramm traten die Sängerin Viviana Grisafi (Platz 2 bei DSDS 2015) und auch Michael Schulte auf, der während der Halbzeit einen weiteren Auftritt hatte. Grisafi sang die Nationalhymne, begleitet vom Landespolizeiorchester Hessen. Dessen Musiker hatten kurz vor dem Auftritt viel Spaß. Die Musiker warteten am Spielfeldrand, als sich Eberhart, das Maskottchen der Ravensburg Razorbacks, anschlich. Die Maskottchen der GFL-Vereine hatten ihren Auftritt bereits beendet und so posierte Eberhart mit den Polizeimusikern für Selfies.

Fans der Unicorns berichteten beim Rathaus-Empfang am Sonntagabend, dass bei der Live-Übertragung von Sport1 die Fans der Dresden Monarchs deutlich lauter zu hören gewesen seien als die der Haller Unicorns. Im Frankfurter Stadion selbst waren die Unterschiede nicht so gravierend wahrzunehmen, auch wenn die Monarchs- Anhänger in Summe etwas lauter waren. Die Haller Fans waren zwar zu Beginn etwas verhalten, aber das „Jaaaaa!“ beim ersten Touchdown von Tyler Rutenbeck brachte den Lärmpegel in neue Höhen. Und dieser blieb zumindest bis zum Schlussviertel auch oben. Was ein Unterschied war: Auf der Haupttribüne saßen die Fans der Unicorns wegen der Pandemieauflagen ziemlich verteilt, während die Anhänger der Monarchs sich zumindest teilweise in einem Block zusammensetzten. Wenn das Außenmikrofon genau vor diesem Block positioniert war, dann kann der von den Fans geschilderte Eindruck entstehen.

Der Deutsche Bank Park ist die Heimat des Fußball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt. Das ist auch überall zu bemerken. Das Maskottchen Attila, ein Adler, blickt auf einem riesengroßen Plakat auf die Zuschauer, die zum Stadion laufen. Im Raum der Pressekonferenz hängen an den Seiten Bilder von jubelnden Eintracht-Spielern. Und der ortsansässige Radiosender FFH schaltete mehrfach eine Werbung, die mit „Hallo Fußballfans“ begann und dann auf weitere Veranstaltungen im Stadion verwies. Der Spot war auch außerhalb der Arena gut zu hören und brachte eine Monarchs- Anhängerin auf die Palme. Gerade unterhielt sie sich noch mit ihren Begleitern, als sie den Werbe- Spot hörte. Ihre Reaktion: „Fußballfans? Mach die Rotze weg!“ Überzeugte Anhängerinnen und Anhänger des Footballs können mit „Rundball“, also Fußball, nur wenig anfangen.

Die Frage, wer bei den Schwäbisch Hall Unicorns als Quarterback beginnen würde, wurde den Pressevertretern rund zwei Stunden vor Kickoff beantwortet. Dann lagen im Pressraum die Startaufstellungen in gedruckter Form vor. „Alex wird beginnen“, bestätigte Axel Streich, Pressesprecher der Unicorns. Er meinte damit, dass keiner einschätzen konnte, wie sehr Alexander Haupert von seiner Meniskusverletzung beeinträchtigt sei. Tatsächlich merkte man Haupert nichts an. Er bewegte sich gut, lief auch mit dem Ball selbst. Dann aber kam die folgenschwere Szene, in der er sich das rechte Schlüsselbein brach. Mit einer Armschlinge verfolgte er den Rest des Spiels von der Seitenlinie.

Dort war auch John Santiago. Der US-Runningback blickte gerade zu Beginn traurig ins weite Rund. Aufgrund seines Kreuzbandrisses im Halbfinale gegen Potsdam verpasste er auch den German Bowl, nachdem er schon auf das CEFL-Finale wegen eines Handbruchs verzichten musste. Auch andere Verletzte wie Maurice Schüle oder Lucas Schäfer fieberten an der Seitenlinie mit ihren Teamkollegen mit. John Santiago war anfangs noch vergleichsweise ruhig. Je länger das Spiel dauerte, desto häufiger fuhr John Santiago nervös mit dem Rollstuhl hin und her, um eine gute Sicht aufs Feld zu haben. Er sprach mit Spielern, er motivierte die Zuschauer und war am Ende genauso enttäuscht wie alle anderen. Auch typisch für ihn: Als er das Stadion verließ, rief er den Umstehenden zu: „Kommt gut heim!“

Der Siegerpokal der German Football League ist etwas Besonderes. Er hat einen weitaus höheren emotionaleren Wert als einen finanziellen. Rein optisch macht er wenig her. Auf den vielen Siegesfeiern in der Vergangenheit wurde er nicht immer pfleglich behandelt, entsprechend zerbeult schaut er auch aus. Und doch ist er das große Sehnsuchtsobjekt im deutschen Football. Auf dem Sockel erhalten die jeweiligen Titelträger ein kleines Schild. Vor dem Finale 2021 war noch Platz für vier dieser Schilder. Beim German Bowl 2025 müsste es demnach entweder einen neuen Siegerpokal geben oder aber der Sockel müsste verlängert werden, um die weiteren Titelträger auflisten zu können. Hartmut Ruffer