
Der Bausektor gilt als enorm ressourcenintensiv. Der bewusste Umgang mit Boden, Baustoffen und Produkten von der Planung bis zum Nutzungsende eines Gebäudes kann ein echter Gamechanger für den Klimawandel sein.
Augen auf bei der Materialwahl
„Wir haben jahrhundertelang ressourcenschonend mit Lehm und Holz gebaut - diese Häuser stehen noch heute, sind recyclebar und um- oder rückbaubar. Wir sind gebeutelt von den Jahrzehnten der günstigen Energie“, sagt Volker Auch-Schwelk, Architekt und Geschäftsführer von sustainable strategies. Er zeigt damit das Themenspektrum einer bewussten Materialwahl auf. Natürliche Baumaterialien, nachwachsende Rohstoffe, Wiederverwertung, Energiebilanzierung.
Dass mit altbewährten Materialien aktuelle Bauaufgaben auf moderne Art und Weise realisiert werden können, zeigen Projekte wie das Lehmwohnhaus Neckarbogen in Heilbronn, entworfen von haascookzemmrichSTUDIO2050. Das mehrgeschossige Gebäude ist als Holzhybridbau mit Stampflehmwänden geplant.
Um der Ressourcenverknappung zu begegnen, braucht es aber mehr. Zirkuläres Bauen lautet das Schlagwort. „Erste Hersteller haben Baustoffkreisläufe für sich bereits als Notwendigkeit erkannt“, stellt Marc Haines fest, Mitgründer und Standortleiter von concular. Eine Voraussetzung für kreislauffähige Prozesse ist die Dokumentation von Baustoffen und Bauteilen im Bestand. Nur wenn wir wissen, was in welchem Gebäude steckt, kann es auch wiederverwendet werden. Plattformen wie concular oder madaster bieten hier eine Anlaufstelle für Planende und Herstellende.
Architekt und Geschäftsführer von sustainable strategies
„Zirkuläres Bauen bedingt ein anderes Entwerfen“, führt Haines aus. Der Entwurf müsse flexibel bleiben, manche Planungsleistung vorgezogen werden. Damit der Kreislauf-Ansatz in die Breite kommt, brauche es mehr Anreize, so Haines. Ein Vorbild sei Dänemark. Hier wird Bauprojekten ein Grenzwert an CO₂-Emmissionen zugeschrieben, der nicht überschritten werden darf. Gebrauchtbauteile fließen dabei mit dem Faktor Null in die Ökobilanz ein. „Wir sehen: es geht! Und: Wir müssen es machen!“ fordert Haines. „Die Ökobilanzierung wird immer wichtiger werden“, ergänzt Volker Auch-Schwelk. In der Ökobilanz eines Gebäudes werden alle Materialien der flächigen Bauteile mit Blick auf deren Umweltwirkungen und Energiebilanz betrachtet. Ein wichtiges Tool also, um Baustoffe miteinander zu vergleichen - idealerweise in der frühen Planungsphase. „Es gibt viele Wege, um Ressourcen im Bausektor zu reduzieren und jeder muss seinen Weg finden. Aber ein, weiter so darf es nicht mehr geben“, resümiert Volker Auch-Schwelk.
Darf's etwas weniger sein
Eine grundlegende Ressource ist unser Boden. Neben dem Umgang mit Baustoffen und Bauprodukten spielt die Nutzung von Flächen eine wichtige Rolle beim ressourcenschonenden Bauen. Am Beispiel des Wohnbaus wird deutlich, wie unser Flächenverbrauch über die Jahre gestiegen ist. Lag die durchschnittliche Pro-Kopf-Wohnfläche in 1990 noch bei 34,3 m² so beträgt sie heute 47,7 m². Laut einer Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) wären 30 m² pro Person ideal. Im besten Fall könnten so die jährlichen Treibhausgas-Emissionen im Gebäudebetrieb um rund 11 Millionen Tonnen und bei den grauen Emissionen um etwa 9 Millionen Tonnen reduziert werden.
Architekt und Mitgründer der concular GmbH
Rein rechnerisch bliebe mehr Freifläche, beispielsweise für mehr Grün in den Städten. Solche Flächen sind eine wichtige Grundlage, um Biodiversität in unseren Lebensräumen zu sichern. Hierzu sei das Stichwort „Animal-Aided Design“ genannt. Das Konzept vereint die Bedürfnisse von Mensch und Tier im Stadtraum, indem relevantes Wissen bereits in der frühen Planungsphase vermittelt wird - und hat damit das Potenzial, unsere Ressource „Natur“ zu schützen.
Tanja Weise
Architekturkongress zeigt Themenbandbreite

Wie umfassend ressourcenschonendes Bauen ist, zeigt ARCHIKON - Landeskongress für Architektur und Stadtplanung am 08. April 2025 im ICS der Messe Stuttgart. Unter dem Titel „Ressourcenwende: Mit neuen Strategien planen!“ werden in Seminaren und Plenumsvorträgen neue Ansätze für den Einsatz und Umgang mit Ressourcen vorgestellt: von Flächenkreislaufwirtschaft über Biodiversität bis hin zu Suffizienz, Naturbaustoffen, Materialkreisläufen und neuer Planungskompetenz. Veranstalter ist die Architektenkammer Baden-Württemberg. Programm und Anmeldung unter: www.archikon-akbw.de .



Volker Auch-Schwelk ist Gründer und Geschäftsführer von sustainable strategies. Als Architekt berät er Bauherren, Kommunen und Planungsbeteiligte zu Themen des nachhaltigen Bauens. Dabei steht die ganzheitliche Betrachtung im Fokus.

Marc Haines ist Mitgründer der concular GmbH und Standortleiter am Standort Stuttgart. Als Architekt gründete er bereits 2013 restado, den inzwischen größten Marktplatz für überzählige Baumaterialien. Daraus entstand im April 2020 Concular, ein Unternehmen für zirkuläres Bauen.