Die Süßener Unternehmensgruppe Carl Stahl geht hinsichtlich ihrer Markenstrategie neue Wege. Bei der Neustrukturierung des Unternehmens werden Anleihen aus der Natur genommen. Bionik und Kybernetik stehen bei Carl Stahl Pate auf dem Weg vom Fachabteilungsdenken zu prozessorientierten Strukturen und damit zu Kundenteams. Mit einer „Familienverfassung“ wird das Unternehmen auch in Sachen Nachfolge zukunftsfest gemacht. Erstmals ist seit Oktober ein extern gefundener Geschäftsführer an Bord des Familienbetriebs.
Das Unternehmen mit Stammsitz in Süßen im Landkreis Göppingen ist damit ein Paradebeispiel, dass sich Unternehmen beständig weiterentwickeln, anpassen und neu erfinden müssen, um weiter am Markt bestehen und wachsen zu können.
Die Wurzeln des heute weltweit agierenden Unternehmens liegen im 19. Jahrhundert. Die Seilerei von Jakob Stahl produzierte die seinerzeit in der landwirtschaftlich geprägten Gesellschaft benötigten Garbenund Kälberstricke. In den 1960erJahren wurde durch die Übernahme des Betriebs durch Willy Schwenger der Weg vom Handwerksbetrieb zum expandierenden Unternehmen eingeschlagen. Die erste Betriebsübernahme erfolgte mit einer Seilerei in Stuttgart.
Geschäftsführer
Inzwischen ist das Unternehmen unter dem Dach einer Holding in neun in verschiedenen Wirtschaftsbereichen angesiedelte Einheiten gegliedert. Daneben besteht eine Immobiliengesellschaft. Eine erste Reorganisation hatte es in den Jahren 2004 bis 2007 gegeben, um die Strukturen aufzubrechen.„Bei unterschiedlichen Märkten macht eine Zentrale keinen Sinn“, erklärt Andreas Urbez, der die Neuorganisation initiiert hat und bis heute steuert. Die größte Beteiligung besteht im Bereich der Hebetechnik. Hier liegt die Kernkompetenz - mit Standorten auf der ganzen Welt.
Um der Komplexität der verschiedenen Unternehmenseinheiten gerecht zu werden und sie sinnvoll zu organisieren, hat Urbez auf Erkenntnisse der Bionik und Kybernetik zurückgegriffen. Als Beispiel nennt der Geschäftsführer das Zellwachstum. Die bestehenden Unternehmensstrukturen wurden aufgebrochen und in kleinere, autarke Teile organisiert. Diese agieren so mit kürzerer Reaktionszeit am Markt.
Neue Wege, veränderte Strukturen - dazu bedarf es auch neuer Gedanken. Frischer Wind, der unvoreingenommene Blick gepaart mit Erfahrung wird durch einen Beirat ins Unternehmen gebracht. Hier waren den Gesellschaftern Expertisen in drei Themenbereichen wichtig: Strategie, Nachhaltigkeit sowie Erfahrung in Sachen Personal- und Führungskräfteentwicklung.
Besitzstandwahrung und ein „Weiter so!“ sind Gefahren, an denen manche Unternehmen ebenso scheitern wie an der Beratungsresistenz der Führung, die betriebsblind geworden ist. Fehler, die Urbez nicht macht. „Keine Ja-Sager“, sondern Sparringspartner, unabhängige Ratgeber sind ihm wichtig. Der Beirat ist ein Ergebnis des Nachfolgeprozesses. Im Zuge dieser Regelung wurde die einstige Immobiliengesellschaft Schwenger GmbH & Co. KG zur obersten Konzernmutter.
Im Zuge eines vierjährigen Prozesses wurde 2023 die nächste Generation als Gesellschafter an Bord geholt. Eine Familienverfassung legt die Regeln innerhalb der Eigentümer-Familien fest, nennt die Leitlinien der „Inhaberstrategie“ sowie das Selbstverständnis und die Vision des Unternehmens.
Dabei werden die zehn Kinder der sechsten Unternehmergeneration direkt eingebunden. „Es wird ihnen nichts geschenkt, die Anforderungen an sie sind hoch“, so Urbez. Die Angehörigen dieser Nachfolgegeneration stellen derzeit selbst einen Katalog von Bedingungen auf, die zu erfüllen sind, wollen sie Funktionen im Unternehmen einnehmen. Dieser Katalog wird ebenfalls Teil der Familienverfassung werden. Die strengen Regeln sei man auch dem Unternehmen schuldig. Der Belegschaft sei es wichtig, dass Carl Stahl ein Familienunternehmen bleibe, berichtet der Geschäftsführer, immer wieder gebe es Nachfragen. Ebenfalls nicht verhandelbar: Die Nachfolgegeneration muss sich fortbilden, auch extern, mit Themen auseinandersetzen und Fortbildungen wahrnehmen. „Der Kriterienkatalog ist eng gestrickt“, erklärt Andreas Urbez. Es wird viel Expertise vorausgesetzt.
über die sechste Unternehmergeneration
Das damit verfolgte Ziel wird vor dem Gebäude durch eine Skulptur der örtlichen Kunstgießerei Strassacker versinnbildlicht: Der „Tauzieher“ von Prof. Seemann erinnert daran, dass alle an einem Strang ziehen müssen, um das Traditionsunternehmen an immer neue Herausforderungen anzupassen und in die Zukunft zu tragen. Der Geschäftsführer sieht dies in einem Zitat von Michael Novak zum Ausdruck gebracht:
„Die Tradition lebt, weil immer wieder junge Leute kommen, die ihren Zauber erfassen und ihr neuen Glanz verleihen.“
So ist Carl Stahl nicht nur strukturell gut auf die Zukunft vorbereitet und immer bestrebt bei allen Unternehmensbereichen neue Produkte zu entwickeln. Auch bei der Digitalisierung sei das Süßẞener Unternehmen sowohl im Bereich der Fertigung als auch in Vertrieb, Verwaltung und Service „sehr weit für die Branche“, erklärt Urbez.
Axel Raisch
Global Player auf drei Kontinenten

Mit der Hebetechnik ist Carl Stahl (CS) mit Standorten rund um den Globus vertreten. Neben dem sehr starken Dienstleistungsbereich sieht CS in Exoskeletten eine gute Zukunft.
In der Medizintechnik bewegen hochpräzise gefertigte, sehr dünne Seile von Carl Stahl Technocables die Greifer von Operationsrobotern.
Carl Stahl-LED-Handlaufbeleuchtungen und Absturzsicherungen sind an spektakulären Orten der Welt im Einsatz: An der Golden Gate-Brücke, in Qatar, am größten 360-Grad-Bildschirm der Welt und in zahlreichen bekannten Zoos.
Mit weiteren Beteiligungen ist die Firmengruppe in Stahl-, Aluminium- und Automobilwerken auf der ganzen Welt zu Hause.
1.900 Mitarbeiter erwirtschafteten 2023 einen Umsatz von 308 Mio. Euro. In den kommenden sieben Jahren werden 500 Mio. angepeilt. Dies soll auch durch Zukäufe erfolgen.
2024 wurde mit Dr. Ulrich Hagenmeyer der erste externe Geschäftsführer eingestellt. Bis dahin hatte Andreas Urbez viele Jahre die Geschäftsführung der Carl Stahl Holding mit seinem Schwager Wolfgang Schwenger inne. Jetzt ist Schwenger Geschäftsführer der Schwenger GmbH & Co. KG.
Im Unternehmen ist Urbez seit 1993, seit 2003 als Geschäftsführer, nachdem er eine Niederlassung in Frankreich aufgebaut hatte.