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Der Trend bleibt stabil

Privatschulen Wie bedeutsam ist das anhaltende Wachstum? Ein Gespräch mit Bildungsforscher Thomas Koinzer über die Entwicklung der Privatschulen in Deutschland.

FOTO: SHOCK/ADOBESTOCK.COM
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Im Januar veröffentlichte das statistische Bundesamt die neuesten Zahlen zum vergangenen Schuljahr 2023/2024. 800.000 Schülerinnen und Schüler im allgemeinbildenden Bereich besuchten Privatschulen. Es gibt derzeit 3.800 Schulen in privater Trägerschaft das ist ein deutschlandweiter Anteil von zwölf Prozent. Damit ist die Zahl der Privatschulen in den vergangenen zehn Jahren um acht Prozent gestiegen.

Thomas Koinzer ist Bildungswissenschaftler an der Humboldt-Universität Berlin und forscht seit Jahren zur Situation der Privatschulen in Deutschland, initiiert durch eine Expansionsphase in den Nullerjahren, als es zu enorm vielen Neugründungen kam. Die Situation habe sich inzwischen stabilisiert, so der Bildungsforscher: „Es ist eine Konsolidierung auf hohem Niveau. Es kommt immer wieder zu Gründungen, aber das sind relativ kleine Schulen. Auch die Schülerzahlen von privaten Schulen sind im Schnitt deutlich niedriger als in öffentlichen Schulen. Als Boom würde ich das nicht mehr sehen. Aber es bleibt stabil auf einem hohen Niveau.“

Eltern mit hohen Ansprüchen

„Es gibt eine neue Mittelklasse, die hohe Ansprüche an die Bildungsqualität ihrer Kinder hat und ein großes Interesse daran, sich einzubringen und zu engagieren auch finanziell. Und diese Eltern finden wir in privaten Schulen über alle Träger hinweg häufiger. Das liegt zum Teil natürlich auch daran, dass Schulgeld gezahlt wird - das ist an bestimmte Erwartungen geknüpft. Aber die Idee der sogenannten, White Flight', dass die weiße Mittelschicht sich panikartig von den öffentlichen Schulen zurückzieht, ist nicht nachweisbar. Im Gegenteil, wir finden die gut situierte Mittelschichtsklientel nach wie vor explizit auch an öffentlichen Gymnasien oder Grundschulen. Grundsätzlich muss immer der jeweilige lokale und regionale Kontext berücksichtigt werden.“

Koinzer untersuchte in einer Schulwahlstudie zwischen 2014 und 2018, aus welchen Gründen sich Eltern für private oder öffentliche Grundschulen entscheiden.

Privatschulen als „Eliteschmieden“? Diese Vorstellung ist schon lange widerlegt. Dennoch bieten sie viele Vorteile. Foto: majonit/adobestock.com
Privatschulen als „Eliteschmieden“? Diese Vorstellung ist schon lange widerlegt. Dennoch bieten sie viele Vorteile. Foto: majonit/adobestock.com

Mit Blick auf die Ergebnisse wägt der Bildungsforscher ab: „Eine öffentliche Schule ist nach wie vor eine nachgeordnete Behörde. Privatschulen sind, was beispielsweise Verwaltungs- und Nachweispflichten angeht, etwas unabhängiger, entscheidungsschneller, flexibler. So scheint es zumindest. In Bezug auf Infrastruktur und Ausstattung muss man sich die jeweilige Schule anschauen. Privatschulen sind zum Teil hoch selektiv, was die soziale Zusammensetzung angeht. Man ist unter sich. Und dieses Untersich-sein trägt zu einer gewissen Zufriedenheit bei und wirkt sich positiv auf das Schulklima aus. Andererseits gibt es diese Selektivität auch bei bestimmten öffentlichen Schulen, bei Gymnasien zum Beispiel. Auch Eltern an öffentlichen Schulen sind oft hoch zufrieden.“

„Privatschulen können unabhängiger, flexibler und schneller agieren.“
Prof. Dr. Thomas Koinzer
Bildungsforscher, HU Berlin

Dass prinzipiell bessere Abschlüsse erzielt werden, kann der Bildungsforscher aufgrund mangelnder Datenlage nicht bestätigen nur wenige Privatschulen beteiligen sich an standardisierten Leistungserhebungen. Er betont jedoch, dass die Entscheidung für eine bestimmte Schule hochindividuell sei - und von vielen Faktoren abhängig, nicht allein der Schulleistung.

„Die Informationslage über die einzelnen Schulen ist inzwischen enorm. Die Eltern, die sich dafür interessieren, ihre Kinder auf eine Privatschule zu schicken, sind meist hochgebildet und haben einen akademischen Hintergrund. Diese Eltern suchen sehr gezielt nach dem für sie passenden Profil.“

In diesem Wissen seien die meisten Privatschulen, was den Außenauftritt betrifft, auch sehr gut aufgestellt, von der Website über Kennenlern-Tage bis zur räumlichen Ausstattung.

Geteilte Herausforderungen

Von den Unwägbarkeiten des Schulalltags sind private Schulen im selben Maße betroffen wie öffentliche Schulen: kurzoder langfristige Ausfälle von Lehrkräften, die digitale Transformation oder spezifisch notwendiger Förderbedarf.„Mein Eindruck ist, dass Privatschulen das besser kommunizieren - weil sie es müssen. Als wirtschaftlich agierende Einheit funktionieren sie nach der Marktlogik. Sie sind wendiger und reagieren schneller.“

Das habe auch mit der Segregation zu tun, die in der Öffentlichkeit oftmals negativ mit Privatschulen in Verbindung gebracht werde. „Auch hier müssen wir in das öffentliche Schulwesen blicken: Viele Gymnasien sind sozial und ethnisch segregiert.“
Julika Nehb


Prof. Dr. Thomas Koinzer ist habilitierter Erziehungswissenschaftler an der Humboldt-Universität zu Berlin und forscht seit mehreren Jahren über private und freie Schulen im deutschen Schulsystem sowie außerschulische Nachhilfe.


Montessori oder Waldorf, international oder konfessionell

Privatschulen in Deutschland sind Bildungseinrichtungen, die sich in freier Trägerschaft befinden, das heißt, sie werden nicht vom Staat, sondern von privaten Organisationen oder Einzelpersonen betrieben. Als Ersatzschulen müssen sie staatlich genehmigt oder anerkannt sein und unterliegen daher bestimmten gesetzlichen Vorgaben, insbesondere in Bezug auf Lehrpläne und Abschlüsse. Dennoch haben sie eine größere Freiheit in der pädagogischen Ausgestaltung und der Wahl der Unterrichtsmethoden. Privatschulen finanzieren sich in der Regel durch Schulgebühren sowie staatliche Zuschüsse. Die rechtlichen Rahmenbedingungen sind in den jeweiligen Schulgesetzen der Länder festgelegt.